"Machen wir jetzt diese 'Inklusion', Herr Lutz?"

Veröffentlicht am von Ottmar Miles-Paul

Mehrere RollstuhlnutzerInnen auf engem Raum
Mehrere RollstuhlnutzerInnen auf engem Raum
Bild: Thomas Reinelt

Mainz (kobinet) Thomas Reinelt, stellvertretender Vorsitzender des TV Laubenheim 1883 e.V. hat nach einem diesjährigen Bahnerlebnis auf dem Weg nach Berlin einen ironischen, aber auch entnervten Bericht zu der Reise in Form eines Briefes an Bahnvorstand Lutz verfasst.

Bericht von Thomas Reinelt

„Machen wir jetzt diese ‚Inklusion‘, Herr Lutz?“

„Selbstverständlich sind unsere Züge und Bahnhöfe barrierefrei!“ würden Sie sicherlich Ihren Kollegen in der Vorstandssitzung antworten, weil Sie ja wissen, dass es in Zeiten der ‚Inklusion’ furchtbar unpopulär ist, nicht mitzumachen. Ja ja … diese sagenumwobene ´Inklusion´. Alle sprechen darüber, es gibt haufenweise Theorien und Leitfäden, Arbeitgruppen, Ausschüsse und ich warte nur auf den Tag, an dem die Deutsche Bahn auch noch verkündet, wie viele arme Behinderte sie wieder ´inkludiert´ hat.

Deshalb nur ganz kurz um Missverständnisse auszuräumen: Inklusion bedeutet nicht, dass Kinder mit einer Behinderung jetzt auch in der Regelschule mitmachen dürfen. Das haben die vor zwanzig Jahren auch schon gemacht. Und, ganz wichtig: man kann niemanden ‚inkludieren‘! Genauso wenig, wie man einen Menschen demokratisieren kann. Inklusion ist ein Gesellschaftssystem und keine Wochenendaktion! Dabei geht es um Toleranz und die Ermöglichung eines selbstbestimmten Lebens mit gleichen Wahlmöglichkeiten und Bedingungen für jedes einzelne Individuum in dieser Gesellschaft, egal wie normal oder andersartig dies auch sein mag.

„Soweit so gut. Hört sich ja erstmal recht einfach an,“ denken Sie und überlegen, was das Ganze eigentlich mit der Deutschen Bahn zu tun hat. Dazu möchte ich Ihnen eine kleine Anekdote erzählen: Im Sommer 2018 wollte ein Sportverein zur deutschen Meisterschaft seiner Sportart mit drei Mannschaften in die Bundeshauptstadt reisen. Ein großartiges Erlebnis für alle Beteiligten. Weil ökologisch sinnvoll, ein tolles Teamerlebnis und dazu auch noch echt günstig, sollte diese Reise mit der Bahn gemacht werden.

„Ja, super Idee. Und wo ist das Problem?“ werden Sie, verehrter Herr Lutz, sich jetzt vielleicht fragen. Das Problem besteht darin, dass sich die Sportler*innen leider die falsche Sportart "ausgesucht" hatten. Und so kam es, dass 19 Mitglieder des TV Laubenheim aus Mainz, darunter sieben Rollstuhlfahrer*innen, ihre ganz eigene "Deutsche-Bahn-Odyssee" zum bundesweiten WheelSoccer-Cup nach Berlin erlebten.

Abteilung „mobilitätseingeschränkte Gruppenreisen“ gesucht

Diese denkwürdige Geschichte beginnt allerdings schon Monate vor der eigentlichen Reise. Tickets buchen. Kein Problem … bei der netten Dame der Hotline angerufen und die Situation geschildert. Nach einigem Hin und Her wurde vereinbart, dass wir alle verfügbaren Rollifahrerplätze im Zug buchen (zwei!!), eine Einstiegshilfe für mindestens zwei Rollifahrer*innen bekommen und den restlichen Rollifahrer*innen (weil teilweise ein bisschen lauffähig) beim Einstieg helfen und die Rollis dann im Fahrradabteil des Zuges verstauen. Juhu, dachte ich. Das war einfacher als letztes Jahr. Da hatte ich gefühlte zehn Stunden mit gefühlten 20 Hotline-Menschen verbracht, um zu diesem Ergebnis zu kommen. Aber weit gefehlt. Das war ja erst die Abteilung "Gruppenreisen". Jetzt kam noch der Mobilitäts-Service, der mir dann wieder mitgeteilt hat, das in dem Zug ja nur zwei Rollifahrer*innen Platz haben dürfen. Man muss dazu sagen: was in anderen Firmen schon nicht klappt, geht bei der Bahn leider auch nicht: Kommunikation. Also wieder alles erzählt, Staunen, „aber auf Ihre Verantwortung...“ Ok. Mittlerweile hatte ich mindestens 15 Mails im Postfach mit undurchsichtigen Reservierungen für eine (!) Zugfahrt. Kurz vor der Reise hat glücklicherweise nochmal meine gute Fee, die erste Hotline-Dame, angerufen und mir mitgeteilt, dass ja der Mobilitäts-Service gar nicht gebucht sei … Puh! Und wir saßen immer noch nicht im Zug.

Odysseus wäre stolz auf uns

Mit Spannung erwarteten wir den Reisetag und auf dem Bahnsteig die Wagennummer 9 mit unseren reservierten Plätzen. Darunter natürlich auch die Rollifahrerplätze. Wagen 12, 11, 10 … 8 … Hmm. Wagen 9 hat gefehlt. An dieser Stelle ein großes Lob an den Zugführer, der schnell und unkompliziert reagiert hat, uns durch die erste Klasse gequetscht, Leute verscheucht und uns Platz im 1.Klasse-Abteil gemacht hat. Dies alles war jedoch nur möglich, weil unsere Sportler*innen sehr fit sind und noch ein paar Schritte laufen können. Mit eine*r Elektrorollstuhlfahrer*in unter uns wären wir bereits beim Einstieg in den Zug gescheitert und die Reise wäre beendet gewesen.

Auf der Rückfahrt ging es ähnlich chaotisch Richtung Mainz. Am Berliner Hauptbahnhof wurde die Wagenreihung vollkommen falsch angezeigt. Unseren netten Mensch vom Mobilitäts-Service hat dies jedoch nicht interessiert, sodass die ganze Gruppe selbstständig den ganzen gerammelt vollen Bahnsteig runter gelaufen ist, um dann komplett ohne Einstiegshilfe in den Zug zu gelangen. Als wir den letzten Rollstuhl eingeladen hatten, kam die Hebebühne. Drinnen waren Platzreservierungen falsch, gar nicht angezeigt, oder doppelt vergeben, was wir dann merkten, als zwei Stationen weiter noch ein Rollstuhlfahrer einstieg und sich wunderte, dass der Zug schon bis unters Dach mit Seinesgleichen gefüllt war. Dies wurde nur noch getoppt durch die Ansage im Zug, dass um Entschuldigung gebeten wird, die Zugreihung und die Platzreservierungen wären in diesem Zug jeden Sonntag falsch. Wow! Respekt für diese mutige (oder dumme?) Ansage. Also, alles in Allem: eine Zugfahrt zum Abgewöhnen.

Tja, Herr Lutz, vielleicht fragen Sie sich jetzt, was das alles mit der guten alten "Inklusion" zu tun hat? Naja, ganz einfach: würden wir Fußball spielen, hätte ich die Tickets in 10 Minuten online buchen können.

Da muss man kurz drüber nachdenken, ich weiß. Für den Fall, dass die Erkenntnis am Ende doch nicht kommen sollte, mache ich es zur Sicherheit nochmal deutlicher: deutschlandweite Mobilität im Fernverkehr, bei der Ihr Konzern eine Monopolstellung einnimmt, ist nicht inklusiv! Ich kann mich nicht frei entscheiden mit wie vielen rollstuhlfahrenden Freunden ich wo zu welchem Zeitpunkt hin fahre.

Beste Grüße

Thomas Reinelt

stellv. Vorsitzender

TV Laubenheim 1883 e.V.

P.S.: Falls Sie Lust haben etwas an der beschriebenen Situation zu ändern und noch ein paar Anregungen brauchen, können Sie mich gerne kontaktieren. Andernfalls empfehle ich Ihnen, über eine großzügige Spende für unsere Sportler*innen nachzudenken. Eine Fahrt von Mainz nach Berlin mit einem entsprechend barrierefreien Reisebus kostet ca. 4500 Euro.