Marina Fraas treibt Teilhabe voran

Veröffentlicht am von Ottmar Miles-Paul

Marina Fraas
Marina Fraas
Bild: Marina Fraas

Dresden (kobinet) Marina Fraas setzt sich in Dresden und mittlerweile über die Grenzen Dresdens hinaus als Inklusionsbotschafterin für die Teilhabe behinderter Menschen ein. kobinet-Redakteur Ottmar Miles-Paul sprach mit ihr über ihre Erfahrungen und Aktivitäten und vor allem auch über ihre vor kurzem erfolgte Berufung in den sächsischen Landesbeirat für die Belange von Menschen mit Behinderungen (SLB).

kobinet-nachrichten: Sie engagieren sich seit einigen Jahren als Inklusionsbotschafterin in einem von der Aktion Mensch geförderten Projekt der Interessenvertretung Selbstbestimmt Leben in Deutschland (ISL). Was ist Ihnen dabei besonders wichtig?

Marina Fraas: Vor meiner Hirnschädigung haben mich „Menschen mit Behinderungen“ eigentlich nie tangiert, bzw. mein Leben war komplett anders ausgerichtet. Ich lebte für den Leistungssport, das internationale Management, plante Studiumsreisen und Co. Doch am Tag, an dem ich meinen Schlaganfall erlitt, änderte sich alles um 180 Grad. Nach langer Zeit der Rehabilitation und der bleibenden Folgeerscheinungen bin ich erstmal in ein tiefes Loch gestürzt. Wieder aufgerappelt, hatte ich dennoch eine neu entworfene Zukunftsvision, die in der Rehazeit gereift ist. Doch in der Realität, außerhalb der Reha, inmitten des Alltags, wurde ich als erkrankter Mensch teilweise nur mitleidig und unbestimmt, ja sogar bei vielen außenvor behandelt. Ungerechtigkeit, Diskriminierung und Benachteiligung waren in meiner unmittelbaren Umgebung erkennbar, worauf ich früher nie geachtet habe. Empowerment, Selbstbestimmung und -stärkung habe ich mir daher „eingeimpft“ und gebe es auch an andere weiter. Ich habe mich seither dafür eingesetzt, Aufklärung in der Gesellschaft zu betreiben. Das kommt bei manchen an, bei vielen nicht. Da wo kein Richter, da auch kein Gesetz. Deswegen ist mir die Politik ziemlich wichtig geworden. Denn man kann teilweise nur dort die Dinge in der Gesellschaft verändern. Trotzdem ist Inklusion ein Prozess, den man in der Gesellschaft nicht erzwingen kann.

kobinet-nachrichten: Vor kurzem wurde Ihnen eine besondere Ehre zuteil, indem Sie als Inklusionsbotschafterin in den sächsischen Landesbeirat für die Belange von Menschen mit Behinderungen berufen wurden. Wie kam dies zustande und wie war die erste Sitzung?

Marina Fraas: Ich bekam während ich arbeitete einen Anruf von einer Referentin des sächsischen Staatsministeriums für Soziales und Verbraucherschutz, ob ich nicht im sächsischen Landesbeirat für die Belange von Menschen mit Behinderungen (SLB) als Interessenvertretung mitarbeiten will. Sie sind auf der Suche nach Leuten mit Behinderung, die sich im Bereich Inklusion, Teilhabe und Partizipation engagieren und ich als Inklusionsbotschafterin würde da perfekt hineinpassen. Nach ein paar Nächten darüber geschlafen, willigte ich ein, und wurde in einer außerordentlichen Sitzung mit ein paar anderen ehrenamtlich in das SLB berufen, wie z.B. die LIGA Selbstvertretung Sachsen - Behinderung und Menschenrechte in Sachsen, in der ich auch Mitglied bin. In dieser Sitzung wurde besprochen, was überhaupt Aufgabe des SLB ist. Zurzeit ist der SLB in den Verhandlungen zu den Rahmenverträgen des Bundesteilhabegesetzes (BTHG) eingebunden. Zwar können die Mitglieder des SLB nicht über die Regelungen entscheiden, über die abgestimmt werden soll, doch können wir als SLB die Entscheidungen beeinflussen und die Entscheidungsträger (LIGA, KSV etc.) beraten. Der SLB trifft sich zunächst einmal im Monat. Im SLB sollen zunächst auch fünf Untergruppen gebildet werden, die sich mit den jeweiligen Themen wie Wohnen und soziale Teilhabe, Teilhabe am Arbeitsleben etc. auseinandersetzen. Ziel hierbei ist den Rahmenvertrag für das BTHG zu konkretisieren. Ich bin gespannt, wie es weiter geht…

kobinet-nachrichten: Welche Ziele stehen für Sie persönlich, aber auch in Ihrem Wirken als Inklusionsbotschafterin in den nächsten Monaten auf der Tagesordnung?

Marina Fraas: Ich habe während meiner Selbstbetroffenheit gemerkt, dass es da noch eine riesen Menge andere Leute gibt, die ebenfalls betroffen sind. Das war mir vorher nicht bewusst. Zunächst habe ich durch mein Psychologiestudium mich nur mit Krankheitsbewältigung und -verarbeitung von neurologischen Erkrankungen auseinandergesetzt. Als ich Inklusionsbotschafterin wurde, eröffnete sich mir eine ganz neue Welt. Ich habe viele neue Leute kennen gelernt, die unterschiedlichste Sichtweisen zum Thema „Behinderung“ haben. Mir wurde das BTGH, Aktionsplan, Inklusionsgesetz und Co. vertraut gemacht. 2018 wurde mir das BTHG noch bewusster, da ich ja für 20 Stunden als Peer-Beraterin in der EUTB der Stadt AG in Dresden angefangen habe zu arbeiten. Ich kann mich in die Lage hineinversetzen, dass BTHG von vielen Blickwinkeln zu sehen. Vom finanziellen Standpunkt aus zum Beispiel. Damit meine ich, dass es gelingen muss, Konzeptideen die für Menschen mit Behinderungen und deren Teilhabe gedacht sind, nicht immer ausschließlich primär an der „Kostenfrage“ festzumachen. Vielmehr soll sich unsere Gesellschaft fragen, wie wir miteinander leben wollen, anstatt zu fragen, ob das jetzt auch billiger geht. Fakt für mich ist: Mensch vor Profit, und da bleibe ich standhaft. Somit ist es mein persönliches Ziel eine wichtige politische Lobby für Menschen mit Behinderung zu etablieren. Doch kann ich im Moment noch nicht so viel zum SLB und seinen Forderungen sagen, da ich mich nun erst einmal einarbeiten muss.

kobinet-nachrichten: Vielen Dank für das Interview.