Bluttests: Wie weit wollen wir gehen?

Veröffentlicht am von Ottmar Miles-Paul

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Berlin (kobinet) Bei der heutigen Pressekonferenz unter dem Motto "Vorgeburtliche Bluttests – wie weit wollen wir gehen?", haben sich Bundestagsabgeordnete fraktionsübergreifend in Berlin dafür eingesetzt, ein breite Debatte zu diesem Thema im Deutschen Bundestag zu führen. Unterstützt wurden sie dabei von Sebastian Urbanski, der als Schauspieler und Synchronsprecher aktiv ist.

"Jedes menschliche Leben ist lebenswert. Ethisch hat jeder Mensch einen natürlichen Anspruch, gewollt und willkommen zu sein. Die vom Grundgesetz als unantastbar gewährleistete Würde des Menschen kann und darf auch durch Krankheit, Behinderung oder den Bedarf an Pflege und Fürsorge nicht verloren gehen. Deshalb können und dürfen Würde und Lebensrecht auch nicht von genetischen Eigenschaften eines Menschen abhängen. Die Fortschritte in der genetischen Diagnose zwingen uns als Gesellschaft dazu, die Frage zu beantworten, wie wir mit den dadurch erzeugten Erkenntnissen umgehen wollen. Die Debatte dazu holen wir jetzt anhand des Themas nicht-invasive pränatale Diagnostik an hervorgehobener Stelle in unser Parlament", erklärte der Bundestagsabgeordnete Rudolf Henke. Die Abgeordnete Dagmar Schmidt vertrat folgende Auffassung: "Ethische Fragen, die so fundamental unsere Werteordnung berühren, brauchen einen breiten gesellschaftlichen Diskurs, der Menschen mit Trisomie, Ärztinnen und Ärzte, Eltern und alle, die daran Interesse haben, beteiligt. Der Bundestag ist der richtige Ort, um diesen Diskurs anzustoßen und in die Gesellschaft zu tragen. Menschen mit Down-Syndrom sind nicht glücklicher oder unglücklicher als andere Menschen. Sie leiden nicht unter Trisomie 21, sondern darunter, nicht angemessen und respektvoll behandelt zu werden. Eltern von Kindern mit Trisomie 21 sollten niemals in die Gefahr geraten, sich für die Geburt ihres Kindes rechtfertigen zu müssen. Wir müssen werdende Eltern von Kindern mit Trisomie 21 umfassend aufklären, sie unterstützen und ihnen die Angst nehmen.“

"Die aktuell zu entscheidende Kassenzulassung des Bluttests auf Trisomie 21 kann eine Türöffnerfunktion erfüllen: Für zwei weitere Trisomien gibt es bereits Bluttests, genauso wie für weitere vier Erbkrankheiten. Nicht über Bluttests, aber über weitere Methoden der Molekulargenetik sind in Großbritannien bereits 400 genetisch verursachte Erkrankungen diagnostizierbar. Dieses Wissen wiederum ist die Basis künftiger Bluttests und so werden in der Folge mindestens für die häufigsten genetischen Prädispositionen Tests auf den Markt drängen. Jetzt ist es noch möglich, eine gesellschaftliche Debatte darüber zu führen, ob und in welchen Fällen vorgeburtliche Gentests legitim sind. Wir müssen wegen der rasanten Entwicklung diagnostischer Möglichkeiten zu einer gesetzlichen Regulierung kommen, die jede Diskriminierung von Menschen mit Behinderungen vermeidet", erklärte die Bundestagsabgeornete Kathrin Vogler. Die Abgeordente Corinna Rüffer betonte: "Schwangere Frauen sollen immer selbst entscheiden können, ob sie ein Kind bekommen möchten. Das Selbstbestimmungsrecht Schwangerer wird aber nicht durch immer mehr Tests gestärkt, sondern wenn sie in dem Gefühl bestätigt werden, dass ihr Kind vorbehaltlos willkommen ist und sie Unterstützung erhalten, sollte das notwendig sein. Die Tests erreichen das Gegenteil: Es wird nach Auffälligkeiten gesucht, für die es keine Behandlungsoptionen gibt. Der Test hat keinen medizinischen Mehrwert. Statt durch immer mehr Tests den Anschein zu erwecken, man habe unter Kontrolle, was für ein Kind man bekommt, müssen wir den Wert der Vielfalt unserer Gesellschaft verteidigen.“

"Ich bin gegen den Pränataltest, weil er Menschen wie mich schon vor der Geburt aussortiert. Wir alle haben ein Recht auf Leben, schließlich gehören Menschen mit dem Down Syndrom zur Vielfalt des Lebens. Vielfalt heißt auch, dass wir alle gemeinsam leben und arbeiten - Behinderte und Nichtbehinderte. So wie wir in unserem Theater RambaZamba eine große bunte Gemeinsamkeit leben, in der alle eins sind", erklärte Sebastian Urbanski, der als Schauspieler und Synchronsprecher arbeitet.

Hintergrund:

Seit 2012 werden Schwangeren vorgeburtliche Bluttests angeboten, die u.a. untersuchen, ob das Kind mit Down-Syndrom auf die Welt kommen würde. Gegenwärtig wird geprüft, ob die Gesetzlichen Krankenkassen die Kosten für diese Tests übernehmen. Die gesellschaftlichen Auswirkungen und ethischen Fragen, die sich durch die Anwendung der Tests ergeben, werden hingegen von keiner Instanz geprüft und bewertet. Menschen mit Down-Syndrom kommen mit ihrer Perspektive auf ihr Leben, ihre Ziele und Wünsche, wie auch ihre Sichtweise auf diese Tests ebenso wenig zu Wort. Abgeordnete von CDU, SPD, FDP, Linken und Grünen im Bundestag fordern deshalb eine parlamentarische Debatte, um die ethischen und gesetzgeberischen Fragestellungen zu diskutieren, die sich mit der Zulassung solcher Diagnoseverfahren ergeben.

 

Lesermeinungen zu “Bluttests: Wie weit wollen wir gehen?” (8)

Von TN

Anmerkung zum vorher von mir Geschriebenen:

Braunes Gedankengut ist es _nicht_.

Die AOK NRW hat wohl (euphemistisch geschrieben) 'vergessen', von wessen Krankenkassenbeiträgen teilweise die Krankenkasse (als Institution) finanziert wird.

Von TN

Da die AOK in NRW Menschen mit Autismus in einer Werbekampagne veunglimpft (siehe https://www.berliner-zeitung.de/familie/-autistische-zombies--aok-vergreift-sich-im-ton--vater-fordert-entschuldigung-31448662), kann man sich leicht vorstellen, weshalb Anträge um Hilfsmittel, Heilmittel, Therapiestunden abgewiesen werden.
Braunes Gedankengut wird (was ich immer vermutete) bei und von den Krankenkassen gepflegt.

Von TN

Den Austritt aus der Krankenkasse und Nicht-Eintritt in eine andere Krankenkasse selben, [gesellschafts]politischen Verschnitts kann jede/r als stillen Protest vollziehen. Stille Proteste und deren Protagonist/innen sind am wenigsten angreifbar.
Wer die Finanzierung des so genannten Bluttests, der sich per se gegen Menschen mit Down Syndrom richtet, befürwortet, befindet sich argumentatorisch und politsch in den Fußstapfen der A*D.

Von TN

Massenaustritte aus den Krankenkassenkassen werden dieselben an deren am meisten neuralgischen Punkt treffen.
WER MACHT MIT(?)

Von TN

Und ich lasse es auf einen Gerichtsprozess ankommen.
Ich werde niemals Mitglied einer per se faschisierten Körperschaft sein.

Von TN

Der Fehler, der begangen wird, ist bereits, dass die Abgeordneten des Deutschen Bundestages über die rechtliche Ab'segnung' des Bluttests (des Aussonderungstests) und dessen Finanzierung durch die Krankenkassen entscheiden.
Das MenschenRECHT von Menschen mit Down Syndrom wird infrage gestellt! DAS ist die Dreistigkeit an sich!

Damit ist ein weiterer Schritt der bundesdeutschen Gesellschaft hin zur Faschisierung beschritten worden.

Und die Krankenkassen machen ja jeden Mist mit, da sitzen die ungehobelten, freiwillig! Entpolitisierten, gesellschaftlichen MitläuferInnen und pflegen ihre Seilschaften.

Ich ziehe meine Konsequenz:
Sollte dieser Test rechtlich salonfähig werden / sein, so trete ich unwiderruflich aus der Krankenkasse (Körperschaft öffentlichen Rechts) aus und nie wieder in meinem Leben in eine Krankenkasse bei.
Einer per se faschisierten Krankenkasse werfe ich kein Geld in den Schlund.

Von Gisela Maubach

Apropos Kassenleistung:

In der vergangenen Woche war ich mit meinem Sohn in der Epileptologie der Uni-Klinik Bonn, da immer noch Hoffnung besteht, dass die epileptischen Anfälle reduziert werden können.

Er bekommt vier unterschiedliche Antiepileptika.

Uns wurde im Klinikum ein etwas größeres Rezept mitgegeben, damit ich nicht ständig neue Rezepte vom Hausarzt holen muss.

Nach Einreichen des Rezeptes bei der Apotheke holte ich die Medikamente am Folgetag ab und staunte nicht schlecht, dass ich plötzlich 140 € zuzahlen musste, obwohl mein Sohn von den Zuzahlungen befreit ist.

Mir wurde erklärt, dass nicht nur das für ihn neue Medikament Lamotrigin, sondern auch Ergenyl Lösung teurer ist als der neuerdings (!) erstellte Festbetrag, und diese Festbetragsdifferenz sei halt trotz Zuzahlungsbefreiung zu zahlen.

Es ist nun also mein persönlicher "Luxus", wenn ich meinem 31-jährigen schwerstbehinderten Sohn dieses Medikament, das er schon seit Jahren einnimmt und auch gut verträgt, weiterhin ermögliche, um ihn vor epileptischen Anfällen zu schützen.

Beim Bürgertelefon zur Krankenversicherung wurde mir die Möglichkeit der Klage beim Sozialgericht genannt . . . mal wieder?

Nach 31 Jahren hat sich zunehmend mein Eindruck gefestigt, dass die Kämpfe nie enden - und zwar je schwerer die Behinderung des Kindes, desto endloser sind die Knüppel, mit denen man von Gesetzgeber und Kostenträgern geprügelt wird . . .

Immer wenn man denkt, ein Problem überwunden zu haben, wird man mit dem nächsten konfrontiert . . . und irgendwie schwingt immer die Unterstellung mit, Leistungen zu fordern, die über das notwendige Maß hinausgehen . . .

"Vollständige und wirkliche Teilhabe" - was ist das?
Vor lauter Kämpferei hatte ich als nichtbehinderte Mutter eines schwerstbehinderten jungen Mannes bisher noch keine Chance auf irgendeine wirkliche Teilhabe gehabt . . .

Von Dr. Theben

Ich begrüße all diese Aussagen finde aber zugleich, eigentlich erübrigt sih eine solche DEbatte. Wir waren immer dagegen, daß unser Lebens- und Existenzrecht dabattiert wird. Und genau das soll jetzt, sogar im Deutschen Bundestag geschehen. Debattieren wir doch bitte über vollständige und wirkliche Teilhabe und nich über die mögliche Vermeidung behinderten Lebens.

Es kann auch nicht sein, daß soetwas Kassenleistung wird, während Menschen mit Behinderungen ihre Heil- und Hilfsmittel oft erst mühsam einklagen müssen.

Der Abstand zwischen (manchen) Politiker und gesellschaftlichen Erwartungshaltungen vergrößert sich zusehens.

Mit sehr besorgten Grüßen


DR. Martin Theben, Berlin

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