Zweites Grenzen sind relativ-Festival in Hamburg

Veröffentlicht am von Ottmar Miles-Paul

Mischa Gohlke an der E-Gitarre
Mischa Gohlke an der E-Gitarre
Bild: Stephan Olbrich

Hamburg (kobinet) Am 20. Oktober findet das 2. Grenzen sind relativ-Festival in Hamburg statt. Der Inklusionsbotschafter Mischa Gohlke hat einen gehörigen Anteil daran, dass sich ein entsprechender Verein vor zwei Jahren gegründet hat und das Festival nun schon zum zweiten Mal stattfinden kann. kobinet-Redakteur Ottmar Miles-Paul sprach mit ihm über den Verein, das Festival und Inklusion.

kobinet-nachrichten: Der Verein Grenzen sind relativ feierte vor kurzem seinen zweiten Geburtstag. Was hat es mit dem Verein auf sich und was macht ihr genau?

Mischa Gohlke: Es ist eine tolle und sehr lebendige Geburtstagsfeier mit vielen open-minded Menschen gewesen. Unter anderem haben wir bis morgens um halb sieben Jamsession gemacht. Mit "Grenzen sind relativ e.V." definieren wir uns als Aktionsbüro für Kultur, Gesellschaft und Inklusion. Mit verschiedensten Projekten, Veranstaltungen, Kampagnen, Öffentlichkeitsarbeit und Bewusstseinsbildung sowie der Vernetzung von Akteuren setzen wir uns für eine inklusive, integrale und friedliche Gesellschaft ein. Konkret machen wir interdisziplinäre Festivals, Aktionstage Inklusion in Schulen und Universitäten, Kampagnen-Musikvideos, Musikunterricht für Hörgeschädigte, Netzwerktreffen, Workshops, Beratung und Coaching und einiges mehr. Schaut am besten auf unsere Webseite: www.grenzensindrelativ.de

kobinet-nachrichten: Das "2. Grenzen sind relativ-Festival" in der legendären "Fabrik Hamburg Altona" steht ja sozusagen vor der Tür. Was ist das besondere daran und was geht am 20. Oktober ab?

Mischa Gohlke: Nach der wunderbaren Hamburger Festival-Premiere im letzten Jahr geht es nun in die zweite Runde. Wir haben über 80 Künstler, Aussteller und Kooperationspartner zusammengebracht, um gemeinsam die Vielfalt der Künste, Menschen und Netzwerke zu feiern. Live-Musik, Theater, Kabarett, Performance, Video-Kunst, Kunstausstellung, interaktive Erlebniswelten, Network-Area und DJs finden beim Festival eine gemeinsame Spielwiese.

Dieses Jahr haben wieder wieder großartige Künstler mit im Boot. Live on stage mit dabei sind Jan Plewka & Marco Schmedtje, Sebó, Soularia, Mischa Gohlke & The Everythings, Kiddo Kat, Michael Krebs, Kilez More feat. Morgaine, Klabauter Theater, stringNbase, Bodyrhythm Unlimited, Rapfugees, Safar Band, GSR Allstars & Friends, Kymat, Florian Huber, Christina Kohla, Nora Block, Laura Schwoerer, Urban Citizenship Card, DJ Qmutat, Markus Riemann sowie einige Überraschungsgäste.

Es wird also ein sehr buntes und facettenreiches Festival mit vielen spannenden Menschen. Ich freue mich bereits sehr darauf!

kobinet-nachrichten: Wer am 20. Oktober bei eurem Festival in Hamburg dabei sein will, was muss der bzw. die tun?

Mischa Gohlke: Dabei sein können alle Menschen, wobei die Raumkapazitäten natürlich begrenzt sind. Grenzen sind halt relativ. (lacht) Sichert Euch also am besten die Karten im Vorverkauf! Übrigens ist die Fabrik barrierefrei und Gebärden- und Schriftdolmetscher werden vor Ort sein. Generell ist das Festival dazu prädestiniert, dass Gruppen von Vereinen und Institutionen uns besuchen kommen. Darüber hinaus gibt es vor Ort eine "Network-Area", bei der alle mitmischen können. Ziel ist es, dass sich verschiedenste Vereine, Initiativen, Institutionen, Kulturschaffende, Künstler bzw. MENSCHEN kennenlernen, austauschen und vernetzen. Auf Infotischen vor Ort können Flyer und Infobroschüren ausgelegt werden. Vor allem wollen wir interaktiv ins Gespräch kommen. Es lebe das Miteinander, es lebe die Vielfalt!

kobinet-nachrichten: Mischa, du bist nun ja schon einige Jahre in Sachen Inklusion und Kunst und Kultur unterwegs und sprichst immer wieder von der "gesamtgesellschaftlichen Inklusion". Was meinst Du genau damit?

Mischa Gohlke: Das ist eine sehr komplexe Frage, auf die ich stundenlang im Monolog antworten könnte. (lacht) Inklusion wird ja leider immer noch überwiegend auf die „Integration" von Menschen mit formal anerkannter Behinderung reduziert. Selbst viele Akteure aus der Behindertenszene diskutieren den Begriff zumeist aus ihren eigenen separierenden Bedürfnissen und Interessen heraus. Dabei ist Inklusion keine Spezialkonvention, sondern die Konkretisierung der vorhandenen universellen Menschenrechte. Und das umfasst alle Themen und Prozesse, die eine komplexe und heterogene Gesellschaft ausmachen: die sozialen wie die bildungspolitischen, die wirtschaftlichen, ökologischen und kulturellen ebenso wie die persönlichen, zwischenmenschlichen und kollektiven Themenbereiche. Sie dürfen nicht länger getrennt voneinander gesehen werden, sondern müssen als Ganzes wahrgenommen und angenommen werden, da sie nun einmal in Beziehung zueinander stehen.Wir müssen uns für Systeme - im Kleinen wie im Großen - einsetzen, die wirklich für und mit den Menschen sind. Derzeit beschäftigen wir uns überwiegend mit den Symptomen, weniger mit den Ursachen. Wir brauchen also dringend einen grundlegenden gesellschaftspolitischen strukturellen Wandel sowie eine in die Tiefe gehende Auseinandersetzung, was sich hinter Bewusstsein, Wahrnehmung und den scheinbaren Realitäten überhaupt verbirgt.

Mein persönlicher Traum von Inklusion ist radikal. Radikal kommt von radix, die Wurzel. Zu Ende gedachte und gelebte Inklusion kollidiert mit unserer kapitalistischen Leistungs-, Konsum- und Wachstumsgesellschaft. Selbstentfremdungen, Ängste, Ohnmacht und vermeintliche Alternativlosigkeit führen immer wieder dazu, dass Menschen in einer isolierten Welt leben und somit viele separierende Mikro-Kosmen aufgebaut werden. Wir Menschen sind ein Konstrukt unserer jeweiligen psychologischen, emotionalen, sozialen und kulturellen Konditionierungen. Viele Unzugänglichkeiten, Missverständnisse und Konflikte entstehen, wenn wir unsere subjektive Wahrnehmung zur objektiven Realität machen und uns mit dieser identifizieren. Im Zeitalter der Spaltung brauchen wir Inklusion statt Separation, Kooperation statt Konkurrenz und gelebten Frieden für alle Menschen auf diesem Planeten.

Letztlich geht es um unser Bewusstsein, welches in unseren zwischenmenschlichen Beziehungen ebenso seinen Ausdruck findet wie auf gesellschaftspolitischem Gebiet. Verbunden mit dem Potenzial der „gesamtgesellschaftlichen Inklusion" leitet sich eine "Beziehungskultur" ab. Alles steht zu- und miteinander in Beziehung. Persönliche Themen und Prozesse, zwischenmenschliche Begegnungen, unser Konsumverhalten welches überwiegend auf globale Ausbeutung basiert, unser Umgang mit der Natur und vieles mehr.

Die Gedanken um den Begriff Inklusion sind nicht neu, im Gegenteil. Der „Inklusions-Hype" bietet jedoch die Chance – auf Grundlage einer ganzheitlichen Bewusstseinsdebatte – neue notwendige zukunftsweisende gesellschaftspolitische Prozesse und Strukturen sowie die „Gesellschaft von morgen" in die Wege zu leiten. Inklusion betrifft uns alle!

kobinet-nachrichten: Danke für das Interview.

Hintergrundinformationen:

2. Grenzen sind relativ Festival
Sa. 20.10.2018 in der Fabrik (Barnerstr. 36, 22765 Hamburg)
Einlass 19:00h
AK 20 € , VVK 15 € zzgl. Gebühren → https://bit.ly/2MJsrCV

Alle Infos zum Festival gibt's auch auf der Webseite: http://www.grenzensindrelativ.de/veranstaltungen/grenzen-sind-relativ-festival-sa-20-10-18-fabrik-hh-2.html

Facebook-Event: https://www.facebook.com/events/1698928886885716