Nancy Poser im Dialog mit der Bundeskanzlerin

Veröffentlicht am von Ottmar Miles-Paul

Nancy Poser
Nancy Poser
Bild: Nancy Poser

Trier (kobinet) Nancy Poser ist Richterin am Amtsgericht in Trier und engagiert sich u.a. im Forum behinderter JuristInnen. Während der Auseinandersetzungen zur Verabschiedung des Bundesteilhabegesetzes hat sich die Frau, die auf Persönliche Assistenz angewiesen ist, immer wieder dafür eingesetzt, dass behinderte Menschen ihre Assistenz und Hilfen dort bekommen, wo sie leben möchten und nicht zum Zwangspoolen von Leistungen oder zu einem Leben in einer Einrichtung gezwungen werden. Gestern hatte sie nun die Möglichkeit, gut fünf Minuten lang mit Bundeskanzlerin Angela Merkel beim Bürgerdialog zur Zukunft Europas in Trier behindertenpolitische Fragen zu diskutieren. Das SWR Fernsehen hat die Sendung aufgezeichnet, ab Minute 18:30 kann man sich also die Diskussion von Nancy Poser in der ARD-Mediathek anschauen.

Nancy Poser waren in der Diskussion zwei Punkte besonders wichtig. Einerseits, dass die ungenauen Rechtsbegriffe zur Zumutbarkeit nicht das Wahlrecht behinderter Menschen einschränken und man auf ein Leben in Einrichtungen verwiesen wird. Andererseits betonte sie, wie wichtig die Verpflichtung der Privatwirtschaft zur Barrierefreiheit ist. Wie die Kanzlerin darauf geantwortet hat, kann man im Live-Mitschnitt der Diskussion verfolgen.

Link zur Sendung zum Bürgerdialog - Diskussion mit Nancy Poser ab Minute 18:30

In der Diskussion betonte Angela Merkel, dass ihr keine Fälle bekannt sind, bei denen gegen den Wunsch der Betroffenen verstoßen wurde, die nicht in einer Einrichtung leben möchten. Nancy Poser plant daher, der Kanzlerin solche Beispiele zu liefern. Anfang des Jahres berichteten die kobinet-nachrichten und die Medien vor Ort beispielsweise über die Situation von Winfried Glosser, der mit 54 in einem Seniorenheim leben muss.

Link zum Bericht über die Situation von Winfried Glosser vom 2. März in den kobinet-nachrichten

Lesermeinungen zu “Nancy Poser im Dialog mit der Bundeskanzlerin” (22)

Von Gisela Maubach

Sehr geehrte Frau Poser,

unmittelbar bevor morgen die 14-tägige Leserbriefmöglichkeit endet und das Thema dann wieder im Sande verläuft, bitte ich hiermit darum, die unten aufgeführten Erklärungen zu den Begriffen Inklusion und Selbstbestimmungsrecht zukünftig zu thematisieren.

Ich selbst habe mich bereits zum 2. LVR-Dialog Inklusion und Menschenrechte angemeldet und als Arbeitsgruppe "Selbstvertretung und Personenzentrierung" gewählt. Leider ist die Leserbrieffunktion zu diesem Thread wieder deaktiviert:

https://www.kobinet-nachrichten.org/de/1/nachrichten/38895/2-LVR-Dialog-Inklusion-und-Menschenrechte.htm

Es kann nicht länger ignoriert werden, dass Begriffe wie Inklusion, Selbstbestimmung und Personenzentrierung mit jeder Selbstverständlichkeit auf den Fahnen der Symbolpolitik stehen - wohlwissend, dass ganze Personenkreise damit gar nicht gemeint sein sollen und das Wort Inklusion also von vornherein ad absurdum geführt wird.

Hoffnungsvolle Grüße
Gisela Maubach

Von Dirk Hentschel

Ich danke Frau Poser das sie hier nochmal Klarheit über ihre Aussagen geschaffen hat!

Ich teile die Meinung von Frau Maubach und Dagmar B. (der letzten Meinungsäusserungen) und möchte explizit auf folgende Aussage nochmal eingehen:

"Entweder das Unverständnis , was der Begriff Inklusion überhaupt bedeutet oder der Missbrauch"

Es handelt sich in meinen Augen um einen klaren MIssbrauch!

Bereits vorhandene gefestigte Struckturen müssen erhalten bleiben - das System der etablierten Behindertenhilfe kann aus sich heraus sich nicht abschaffen - es werden jegliche Kräfte mobilisiert die Existenzgrundlagen zu erhalten.

Schützenhilfe kommt aus dem Bereich der Politik, welche dem neoliberalistischen Denken freie Fahrt gewährt.

Ein Solidaritäsdenken aus den Reihen von "Menschen mit Behinderungen" für alle Menschen mit Behinderungen, ist leider nicht vorhanden!

Dies währe in meinen Augen der Ansatz, dem etabliertem System die Stirn zu bieten!

Dirk Hentschel

Von Dagmar B

Zitat :

1. Wer bestimmte Personengruppen ungeeignet für Inklusion hält, hat den Begriff Inklusion entweder nicht verstanden oder missbraucht ihn bewusst.

Liebe Frau Maubach , danke ,
genau das ist ein weiteres Problem !

Entweder das Unverständnis , was der Begriff Inklusion überhaupt bedeutet oder der Missbrauch .

Das Spektrum reicht vom völlig widersinnigen Begriff
"inklusionsfähig ( unfähig ) " bis zur inflationären Bezeichnung aller exkludierenden Maßnahmen der Behindertenhilfe als
"inklusiv " weil was mit ( geistig )Behinderten gemacht wird.

Von Gisela Maubach

Liebe Dagmar B,

ich stimme Ihnen voll umfänglich zu.

Diese eine Formulierung möchte ich jedoch aufgreifen, um deutlich zu machen, wie sehr sich auch unser Sprachgebrauch schon an die Ausgrenzung von Menschen mit geistiger Behinderung gewöhnt hat:

" . . . eine Aufzählung von Möglichkeiten , warum Menschen mit geistiger Behinderung " grundsätzlich " für Inklusion nicht geeignet wären . . . "

1. Wer bestimmte Personengruppen ungeeignet für Inklusion hält, hat den Begriff Inklusion entweder nicht verstanden oder missbraucht ihn bewusst.

2. Wenn für den Personenkreis der Menschen mit schwerer geistiger Behinderung die existenzsichernden Leistungen bei Unterbringung in einer WfbM deutlich höher sind als bei inklusiver Tagesgestaltung, dann darf man sich auch nicht wundern, wenn viele Betroffene für die Beibehaltung dieses Systems kämpfen. Und genau das scheint politisch gewollt zu sein.

3. Wenn Menschen einerseits die Fähigkeit zur Inklusion abgesprochen wird, aber andererseits als vorrangige Leistung die Teilhabe am Arbeitsleben aufgezwungen wird, dann macht auch diese Widersprüchlichkeit die ganze Absurdität des Systems deutlich.

Man kann es drehen und wenden wie man will - wer für sich selbst das Menschenrecht der Selbstbestimmung in Anspruch nehmen will, darf anderen eben dieses Selbstbestimmungsrecht nicht verweigern!

Von Dagmar B

Liebe Frau Poser ,

vielen Dank für Ihre Stellungnahme.
Zitat : " Ich kenne Personen mit geistiger oder auch psychischer Behinderung, die mich gerade dafür angreifen, dass ich die Abschaffung von Heimen fordere"
Vielleicht kurz meine Perspektive zu dieser Problematik.
Ich habe nicht wenige Diskussionen über ein Wunsch und Wahlrecht geführt . Dem Grunde nach auch kritisch die Situation in den Einrichtungen hinterfragt.
Die Militanz diverser Inklusionsgegner hat mir Beleidigungen eingebracht wie z.. " radikaler Inklusionsbefürworter " und eine Aufzählung von Möglichkeiten , warum Menschen mit geistiger Behinderung " grundsätzlich " für Inklusion nicht geeignet wären .
Insgesamt wird in der öffentlichen Diskussion immer wieder geistig behinderten Menschen die Fähigkeit zur Inklusion abgesprochen.
Aus diesem Grund würde ich es sinnvoll finden , es bei dem Wunsch und Wahlrecht zu belassen , ohne auf bestimmte Behinderungsarten einzugehen.
Leider gehen die Inklusionsgegner schon bei Kritik an Einrichtungen , bzw. bei Erwähnung von Wunsch und Wahlrecht dermaßen unter die Decke , das ein sachlicher Dialog oftmals nicht möglich ist.
Ich würde mir wünschen , das dem nicht so viel Raum gegeben wird , daher war ich beim Schauen Ihres Beitrags entäuscht , das die gleiche Leier von geistig Behinderten , die lieber im Heim wohnen erwähnt wurde.
Für mich war das Wind auf den Mühlen derjenigen , die Inklusion für geistig behinderte perse ablehnen und ausschließen.

Von Gisela Maubach

Sehr geehrte Frau Poser,

wie ich hier unten am 9.10. um 21:45 Uhr bereits erklärt hatte, habe ich Sie auch so verstanden, dass bei der Erwähnung der geistigen Behinderung die freiwillige (!) Möglichkeit einer gemeinsamen Wohnform mit anderen geistig Behinderten gemeint war.

Warum wurde dann bis heute nie thematisiert, wie man diese Freiwilligkeit überhaupt herausfinden kann - insbesondere bei dem Personenkreis, der sich nicht selbst mitteilen kann und nur Vertrauenspersonen aufgrund von Erfahrung beurteilen können, wann und wo die geistig schwerstbehinderten Menschen sich wohlfühlen und wann nicht?

Und warum wird bei dem Wort "Pooling" von vornherein nur an Menschen gedacht, die bereits Assistenzleistungen erhalten - und nicht an diejenigen, die vorrangig Leistungen in Anspruch nehmen müssen, bei denen sie noch viel extremer gepoolt gemeinsam betreut werden?
Warum wird es mit jeder Selbstverständlichkeit hingenommen, dass man diesem vorrangigen (!) Extrempooling einfach den Namen "Teilhabe" verpasst (nämlich Teilhabe am Arbeitsleben), damit die Ausgrenzung und Fremdbestimmung schöngeredet werden kann?

Ich habe in den 31 Jahren, in denen ich für meinen geistig schwerstbehinderten Sohn ununterbrochen dafür kämpfe, dass er ein lebenswertes Leben haben kann, noch nie erlebt, dass es die Kostenträger interessiert, welchen tatsächlichen individuellen Bedarf er hat.

Im vergangenen Jahr habe ich in einem 3-stündigen Gerichtstermin begründen müssen, warum die WfbM für meinen Sohn nicht mehr zumutbar ist.
Wie kann es sein, dass ein Mensch mit schwerster geistiger Behinderung, der den Sinn einer Arbeit noch nicht mal ansatzweise versteht, vorrangig die Leistung "Teilhabe am Arbeitsleben" in Anspruch nehmen muss - nur weil in NRW auch für diesen Personenkreis ein Rechtsanspruch auf einen Werkstatt-"Platz" besteht?

Wenn Selbstbestimmung für alle gelten soll, müssen auch die konkreten Vorrangigkeiten von Sondereinrichtungen thematisiert werden.

Beste Grüße
Gisela Maubach

Von Behindert_im_System

Sehr geehrte Frau Poser,
es darf einem Wunsch und Wahlrecht für Menschen mit geistiger oder seelischer Behinderung generell widersprochen werden, wenn es nicht mit der Leistung dem Grunde nach übereinstimmt und den Vorgaben der Leistungsträger entspricht.

Man könnte Ihnen durchaus Gerichtsentscheidungen vorlegen, in welchen die zuständige Kammer, dem Kläger einen Rechtsanspruch auf ein Wunsch und Wahlrecht nach § 9 SGB IX widerspricht.

Manchmal werden Äpfel mit Birnen vermischt, aber bitte seien Sie so fair und sehen denen, welche vielleicht nicht mit dem ihrigen Bildungsstand mithalten können nach, dass deren Schicksale so manchen Betroffenen langsam verzweifeln lässt und ich mir nicht vorstellen kann, dass wenn jemand ihr Schicksal kennt, Sie persönlich angreifen will. Viele stehen allein da, ohne jegliche Hilfe und Unterstützung und treten in der Behörde welche über die Leistung entscheidet, oder auch nicht, immer nur als Bettler vor dem Sachbearbeiter.

Natürlich müssen auch die Menschen mit einem hohen Assistenzbedarf immer wieder um Leistungen kämpfen keine Frage, aber wenn man immer wieder so einzelne Beiträge liest, dann ist es schwer zu glauben, vor dem Gesetz seien alle gleich.

Ein Leistungsgesetz sollte kommen, ein schlechtes Teilhabegesetz ist es geworden und ich stehe zu meiner Aussage, das Forum behinderter Juristen, hätte hier mehr leisten können und dass für alle Menschen mit Behinderung, auch der DBR und wer sich immer wieder auf die Schulter klopfte.

Nur sich unserer Schicksale zu bedienen wenn es darum geht bei Wahlen oder anderem zu Punkten, reicht nicht aus um Vertrauen zu schaffen welches besonders unsere schwächsten Leidensgefährten benötigen, aber wir sind weit von einer solidarischen Gemeinschaft entfernt.

Von NaPo

Da es sich hier um meinen Redebeitrag geht, möchte ich kurz zur Klarstellung Folgendes anführen:

Selbstverständlich spreche ich keinem Menschen mit Lernbehinderung oder psychischer Behinderung das Wunsch- und Wahlrecht ab. Aber es geht darum, dass es eben ein Wunsch- und Wahlrecht ist und auch kein Zwang zum alleine wohnen. Erstaunlich, dass meine Worte anders interpretiert werden. Das kann nur dann passieren, wenn man mein „gewollt“ als „vom Träger gewollt“ versteht und nicht von der behinderten Person. Das zeigt, dass auch hier ein Denken vorherherrscht, welches nicht selbstverständlich davon ausgeht, dass ich vom Willen des Betroffenen spreche. Das aber habe ich getan. Ich kenne Personen mit geistiger oder auch psychischer Behinderung, die mich gerade dafür angreifen, dass ich die Abschaffung von Heimen fordere, weil sie doch gern zusammen mit anderen leben möchten. Hier musste ich in den letzten Jahren akzeptieren lernen, dass das, was ich für mich will nicht unbedingt das ist, was andere Personen mit Behinderung möchten. Deshalb ist es ein Wunsch- und Wahlrecht. Gerade um in diesem Vorwurf entgegen zu treten und deutlich zu machen, dass es der freien Wahl jeder einzelnen Person entspricht, in welcher Wohnform sie leben möchte, habe ich das erwähnt. Ich bitte also darum, dass mir nicht die Worte im Munde verdreht werden.

Von TN

Aus der WDR-Übertragung der Diskussion in der Europ. Akademie, Zitat Poser, von Minute 21:30 bis (einschließlich) Minute 21:40

(Zitat Anfang) "Grad' im Bereich geistiger Behinderung mag das ja nicht immer gewollt sein, dass man allein wohnt.
Um das Wollen geht es ja nicht. Es geht um den Zwang."
(Zitat Ende)

Posers Worte Anfangs des Zitats lassen den Umkehrschluss zu, dass bei Vorliegens von Lernbeeinträchtigung (was hohe Grade der Lernbeeinträchtigung einschließt) ein Wunsch nach Leben in einer Gemeinschaftseinrichtung zwingend vorliege. Das tut dieser Wunsch mitnichten.
Da von Poser nicht gesagt wird, dass Menschen mit Lernbeeinträchtigung alle Wünsche nach Wohnformen vorliegen, wie bei bewegungsbehinderten Menschen, steht undiskutiert und unwiderlegt im Raum die Unterstellung, Menschen mit Lernbeeinträchtigung möchten in Gemeinschaftsunterkünften leben.

Allerdings ist der nächste Satz (siehe oben) von Poser nicht stimmig zu ihrem erstgesagten Satz (siehe oben).

Was denn nun, Frau Poser: Zusammenwohnenzwang für Lernbeeinträchtigte oder kein Zusammenwohnenzwang?

Von kirsti

@ TN

Nancy Poser hat im Gespräch mit der Bundeskanzlerin nicht behauptet, dass sie persönlich etwas für sich beanspruchen will, was sie anderen abschlägt. Sie will im Gegenteil Beweise und Belege dafür sammeln, dass Menschen gegen ihren Willen in Heime untergebracht werden. Dies war der Bundeskanzlerin nicht bekannt.

Bitte bemühen Sie sich in Ihren Beiträgen um Wahrheit oder zumindest um das, was geschrieben ist. Andernfalls werden die „Lesermeinungen“ zur reinen Farce.

Von TN

Ich finde's dreist, von Menschen mit hohem Assistenzbedarf (dieser wegen schwerer Lernbeeinträchtigung in Anspruch genommen werdend) überhaupt zu denken! (und dies auch noch zu äußern (Poser), bei allem Respekt vor dem Wahrnehmen der Rede- und Meinungsfreiheit), diese (siehe oben) wollen besser in Gemeinschaftsunterkünften leben.

Sich (Poser) jedoch dasselbe nicht zumuten wollend.

Von waltraud berger

Es ist unfair zu glauben, dass sich manche Menschen wünschen in einer Sondereinrichtung zu leben, gerade wenn sie sich selbst nur schwer äußern können .
Denn Inklusion ist Menschenrecht und daher Exklusion auch nicht zum Wohle . Es gibt kein Wahlrecht zwischen Inklusion und Exklusion . Man kann sich also die Frage sparen "Willst Du in eine Behinderteneinrichtung ?" .

Von Dirk Hentschel

Was "kirsti" schreibt ist leider auch Realität und mir ein Dorn im Auge - jedoch bitte ich die "Leistung" von Frau Poser in dieser neuen Konstellation nicht zu negieren!

Auch ich habe ihre Aussage zu "geistig Behinderten" so verstanden, das es durchaus gewünscht sein kann in einer (z.B.) Wohngemeinschaft zu leben, um Kontaktmöglichkeiten zu eröffnen und einer Vereinsamung entgegen zu wirken! Warum auch nicht? Dies entspricht dem gesetzlich verbrieftem "Wunsch - und Wahlrecht!! Wie dieses genau aussieht ist von nichts und niemanden zu bewerten oder zu beeinflussen - darum geht es doch!

Die Aussagen unser Bundeskanzlerin waren jedoch ein weiterer Beweis dafür, wie weit sie von "ihrer Bevölkerung" also denen, denen sie dienen soll, entfernt ist!


Einer Sammlung der Verstösse gegen dieses Wunsch - und Wahlrecht würde ich sehr begrüssen!

Dirk Hentschel

Von kirsti

Entschuldigung, wenn ich mich einmische: Es gab vor einigen Jahren – es war vor der Verabschiedung des BTHG – eine rege Diskussion um die „Gegenfinanzierung“. Zur Erinnerung, z.B.

https://www.kobinet-nachrichten.org/de/1/nachrichten/31932/Behinderte

Dabei waren es die behinderten Juristinnen und Juristen (FbJJ), die vor allem eine Streichung des Kindergeldes präferierten und vor allem eher die Einkommens- und Vermögensfreiheit ihrer Klientel im Blick hatten. Zu den FbJJ gehörten an prominenter Stelle Nancy Poser und Horst Frehe.

Schon vergessen? (Wenn ich die Diskussionsbeiträge von damals lese, wirkten wir alle irgendwie noch „frischer“…, man merkt uns den jahrelangen Kampf auch in den Leserzuschriften an)…

Von Behindert_im_System

@Von Gisela Maubach

„Nachdem ich mir die Aussagen von Nancy Poser und der Bundeskanzlerin 2 x angehört habe, gehe ich davon aus, dass Nancy Poser bei der Erwähnung der geistigen Behinderung die freiwillige (!) Möglichkeit einer gemeinsamen Wohnform mit anderen geistig Behinderten meinte, denn sie hat ja deutlich auf den Unterschied zwischen Freiwilligkeit und Zwang hingewiesen.“

Auch ich habe mir den Beitrag zweimal angehört und bin überzeugt dass der Beitrag so zu verstehen ist, dass nach Ansicht von Frau Poser in der Personengruppe geistig behinderter Menschen es durchaus sinnvoll sein kann, in Gruppen zu wohnen, es konnte aber nicht heraus gehört werden, das Frau Poser auch für den Personenkreis der Assistenz bedürftigen Menschen ihre Zustimmung geben würde in Gemeinschaften zu leben, was mich auch gewundert hätte, denn der Begriff geistige Behinderung kam im gesamten Beitrag nur einmal vor.

Von Gisela Maubach

Nachdem ich mir die Aussagen von Nancy Poser und der Bundeskanzlerin 2 x angehört habe, gehe ich davon aus, dass Nancy Poser bei der Erwähnung der geistigen Behinderung die freiwillige (!) Möglichkeit einer gemeinsamen Wohnform mit anderen geistig Behinderten meinte, denn sie hat ja deutlich auf den Unterschied zwischen Freiwillligkeit und Zwang hingewiesen.

Nur leider dürfte Angela Merkel die Komplexität gar nicht überblicken, um dazu konkret antworten zu können.

Entscheidend ist, dass in der gesamten Behindertenpolitik erstmal ein Bewusstsein dafür geschaffen wird, dass Menschen mit geistiger Behinderung nicht "vorrangig" unter sich zu bleiben haben und nicht nur bei Menschen mit anderen Behinderungen von Assistenzbedarf die Rede sein kann.
Man kann auch dann die Vorlieben von Menschen ausfindig machen, wenn sie sich nicht selbst mitteilen können, denn es gibt fast immer Vertrauenspersonen, die jahrelang Freud und Leid miterlebt haben und somit als Sprachrohr der Selbstbestimmung dienen können.

Wie ehrlich die Behindertenselbsthilfe ihren Einsatz für Menschenrechte meint, werden wir in der kommenden Zeit merken, wenn von Menschen mit "Assistenzbedarf" oder von "Pooling" die Rede sein wird.
Da auch Menschen mit schwerer geistiger Behinderung Assistenzbedarf haben und fast immer extrem gepoolt werden, dürfen wir gespannt sein, welche Themen zukünftig auf die Tagesordnungen kommen.

Von TN

@ Dagmar
In der Tat, verstörend, aber das Gute an dem Dialog war, dass beide Damen gesagt haben, was sie so meinen und denken. In der Denke von Merkel und Poser haben Menschen, die 'geistige' Behinderung haben, nichts an Privatheit zu verlangen und Privatheit ist etwas, was (gemäß Merkel) nur Nichtbehinderten zustehe und (laut Poser) nur Nicht-'Geistig'behinderten zustehe.

Frau Merkel hat auch eine höchst zweifelhafte Vorstellung von Menschen im Wachkoma. Diese sind jedoch höchst gefährdet von der Widerspruchslösung bei der Organ'spende'. Frau Merkel hat öffentlich gesagt, sie sei und plädiere für die Widerspruchslösung bei der Organentnahme, wie es euphemistisch heißt. Dass es ein Ausweiden von Lebenden! ist, entgeht Merkel (bewusst oder unbewusst?). Denn von Toten kann man keine Organe nehmen. Tot ist tot und Organe, 'gewürzt' mit Leichengift, möchte sicherlich niemand implantiert bekommen.

Von Dagmar B

Welch ein verstörender Dialog zwischen den beiden Damen.
Frau Poser unterstellt im Bereich "geistige Behinderung" wäre selbstbestimmtes Wohnen außerhalb von Institutionen weniger erwünscht und Frau Merkel hält selbstbestimmtes Leben im Grundsatz für ein ( nicht zwingend erforderliches) Wunschkonzert.

Von TN

(Teil 4, Fortsetzung)
(Schluss Teil 3: "... der auf Assistenz") Angewiesenen zu verweisen.
Um das von ihr Gesagte zu begründen, greift Merkel auf das Beispiel des auf einem Einzelgehöft Wohnenden zurück.
Nochmal deutlich von mir gesagt / geschrieben:
Jede/r hat das Recht, nach einem Vorkommnis (bei einem Unfall, auf Grund einer Gewalttat, auf Grund eines behindert geborenen Kindes und auf Grund anderer Vorkommnis-Konstellation) da wohnen zu bleiben und Assistenz zu erhalten. _DAS_ muss Frau Merkel endlich (gedanklich und aus Überlegung) heraus internalisieren, für selbstverständlich halten. Sonst wird das mit dem Recht auf Assistenz nichts.

Von TN

(Teil 3, Fortsetzung)
(Anschluss an Schluss Teil 2: "... kann nicht aufgegeben werden ..."), weil sonst die Aufgabe des Gehöfts und hierbei ebenfalls die Aufgabe der beruflichen Zukunft des noch studierenden Sohnes drohte.

Frau Merkel meint nun offensichtlich, dass jemand, wie (konstruiert) beschrieben, das Gehöft aufgibt, nur, weil es schwammige Formulierungen im Gesetz gibt, die es Behörden gestatten, das Gesetz behördenfreundlich auszulegen und anzuwenden.
Es ist also bei Frau Merkel noch nicht angekommen, dass es eine Frechheit ist, überhaupt jemandem staatlicher-/ behördlicherseits 'anzubieten', sein bisheriges Leben auf Grund von Unfall, Kind, das behindert geboren wurde oder oder aufzugeben und ins Heim zu ziehen oder das behinderte Kind ins Heim zu geben, weil dies billiger sei oder weil dies schon immer so gehandhabt wurde.
Noch schlimmer: Frau Merkel kann sich offensichtlich nicht vorstellen oder will sich nicht vorstellen wollen, _dass_ jemand mit Schwerbehinderung auf einem Gehöft wohnt, wohnen möchte und wohnen bleibt.
Damit hat Merkel gesagt, dass sie schwerbehinderte Menschen ungleich den nichtbehinderten Menschen betrachtet.
Rechtlich richtig wäre es: Die Hilfe (d.h. die Assistent/innen) kommen zum zu Assistierenden (und nicht der zu Assistierende kommt zu den Assistent/innen).
Frau Merkel hat offensichtlich nicht internalisiert, dass die Aufgabe eines Lebensmittelpunktes (wie beschrieben: ein Gehöft und die Erwerbsgrundlage des Sohnes, nach dem Studium als Vollerwerbslandwirt, das Gehöft als der Lebensmittelpunkt der gesamten Familie) aus vielerlei Gründen nicht geht. Grade, das, was Merkel in dem Bürgergespräch in der Europäischen Akademie in Trier auf die Fragen von Frau Poser gesagt hat, ist geradezu eine fortgesetzte Einladung an die Ämter, die Assistenzleistungen nicht zu verbescheiden, sondern auf die dem Amt genehme Lösung (Aufgeben des Lebensmittelpunktes und Verziehen in eine Gemeinschaftswohneinrichtung) der auf Assistenz ...

Von TN

(Teil 2, Fortsetzung)
Kurze Erklärung zum Beruf der Ehefrau des verunglückten Landwirts:
Die Ehefrau hat ihre berufliche Laufbahn im Rinderstall begonnen, danach Pädagogik an der Universität Rostock studiert, wo sie und ihr Mann sich gegenseitig kennenlernten, was in eine Ehe samt zweier Kinder mündete.

Jedenfalls kann die Lehrerin nicht in der Landwirtschaft arbeiten. Der Sohn ist nur in den Semesterferien in der Landwirtschaft tätig. Die Landwirtschaft, das sind fünf Schläge, zumeist mit Roggen und Sonnenblumen bewirtschaftet. Der Tierstall mit zweihundert Tieren (Hausrinder, Ochsen, hierhinzu alljährlich Bullenkälber und weibliche Kälber) wird derzeit (in Lohnarbeit) von einem befreundeten Landwirt versorgt. Diese landwirtschaftliche Mitversorgung ist auf Endlichkeit ausgelegt, da der befreundete Landwirt selber mehrere, eigene Schläge zu bewirtschaften hat.
Zum Helfen auf dem Schlag des schwerbehinderten Landwirts stünden (bis der Sohn in die Landwirtschaft als Vollerwerbslandwirt einsteigen kann, das heißt: mit Ende des Studiums / mit Vorliegens des Diploms als Landwirt) zwei pensionierte Landwirte von zwei benachbarten Flecken als Interims-Landwirte für die Arbeit auf dem Feld und im Stall zur Verfügung.
Der schwerbehinderte Landwirt führt auf dem Hof Buch und hält sich noch einige Hühner und einen Hahn in einem kleinen Stall auf seinem Gehöft. Dies ist ihm noch geblieben und dies machtet er (vom Rollstuhl aus) gut und gern.

Ginge es (gemäß des in Trier von ihr [Merkel] Gesagten), müsste der Landwirt (der von seiner Frau morgens und abends und in der Mittagspause der Ehefrau im Intimbereich, beim Essenzubereiten, beim An- und Ausziehen der Bekleidung, beim Haare kämmen und vielen anderen Verrichtungen erhält) sein Gehöft aufgeben und in die nächstgößere Stadt (Gnoien) ziehen.
Denn der unhaltbare Zustand, dass die Ehefrau jede Mittagspause an der Schule aufgibt, um zu Hause ihrem schwerbehinderten Ehemann als Assistentin beizustehen, kann nicht aufgegeben ...

Von TN

Frau Bundeskanzlerin Dr. A. Merkel hat sich herausgeredet.
Und wer auf einem alten Gehöft wohnt, soll gefälligst in die nächste Stadt ziehen.
Was ist mit dem Eigentum? Das Eigentum geht an den Landkreis oder ans kleine Dorf, in dem das Gehöft ist?

(Konstruiert)
Ein Landwirt verunglückt mit dem von ihm gefahren werdenden Traktor und lebt fortan mit schwerer Behinderung, die ihn immobil macht, die Landwirtschaft fortzuführen.
Das Gehöft befindet sich auf einem Flecken in Mecklenburg-Vorpommern. Das Gehöft ist seit mehreren Jahrhunderten im Eigentum des Landwirts. Im Zuge der Reorganisation der Eigentums- und Besitzverhältnisse ab 1990, als die Bezirke Rostock, Schwerin und Neubrandenburg (Neubrandenburg teilweise) zum Bundesland Mecklenburg-Vorpommern umorganisiert und umstrukturiert worden waren, wurde Herr X. (vormals Leiter der Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaft in dem zu seinem Gehöft gelegenen, nächstgrößeren Dorf) wieder (notariell beglaubigt) Eigentümer _und_ Besitzer des von ihm bewohnten Gehöfts. In der DDR war er Mieter in dem Gehöft.
Und nun soll eben dieser Landwirt (Diplom: Universität Rostock, 1985; Promotion: 1987, Landwirtschaftliche Fakultät an der Humboldt-Universität Berlin) das Gehöft aufgeben, weil niemand im Großkreis die Assistenzkosten auf dem kleinen Gehöft tragen möchte. Ein Assistenzdienst aus dem nächstgrößeren Ort (Gnoien) möchte jedoch auf dem Gehöft in Einzellage tätig werden.
Zu der Familie des Landwirts gehören eine Ehefrau, zwei mittlerweile erwachsene Kinder. Das eine Kind (mittlerweile ü 18) studiert (wie weiland der Vater das getan hatte) Landwirtschaft an der Universität Rostock, um die Landwirtschaft von den 'Alten' einmal zu übernehmen.
Die Tochter des Landwirts und seiner Frau ist ebenfalls in der Landwirtschaft ausgebildet, lebt jedoch mit ihrem Mann und ihren drei Kindern selber auf einem Gehöft in einem Ort nahe Gnoiens.
Die Ehefrau des Landwirts arbeitet in der regionalen Schule in Gnoien als Lehrerin und ...

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