Wann kommt die Revolte in den Altenheimen?

Veröffentlicht am von Ottmar Miles-Paul

Ottmar Miles-Paul moderiert
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Bild: Rolf Barthel

Kassel (kobinet) Vor 50 Jahren forderten die sogenannten 68er die Gesellschaft zu einem neuen Denken und Handeln heraus. Der Marsch durch die Institutionen wurde als ein Weg der Veränderung gesellschaftlicher Strukturen und Rahmenbedingungen propagiert und vieles, was damals noch als unmöglich erschien, veränderte sich im Laufe der Jahre. Vieles wurde allerdings auch "noch" nicht erreicht. Heute feiert Mick Jagger, der Frontmann der Rolling Stones, seinen 75. Geburtstag. Selbst diejenigen, die 1968 gerade einmal 18 Jahre alt waren, gehen auf die 70 zu. Grund genug für kobinet-Redakteur Ottmar Miles-Paul in seinem Kommentar danach zu fragen, wann die damals begonnene Revolte wiederbelebt und endlich Einzug in die Altenheime hält, damit dieser Marsch in die Institutionen verhindert werden kann.

Kommentar von kobinet-Redakteur Ottmar Miles-Paul

Sex, Drugs and Rock 'n' Roll, dieser Spruch trifft die Umwälzungen in den 60er Jahren des letzten Jahrhunderts genauso gut, wie Sit-Ins, Demonstrationen, neue Wohnformen und neue Rollenbilder. Vieles kam damals mit der Protestbewegung der 60er Jahre in Bewegung, das unser Leben heute noch prägt und in vielerlei Hinsicht freier und lebenswerter gestaltet. Auch die Situation der damaligen Heimkinder spielte in der politischen Auseinandersetzung eine wichtige Rolle, auch wenn es dabei hauptsächlich um die miserablen Zustände in den sogenannten Jugendhilfeeinrichtungen ging. Auch hier hat sich mittlerweile einiges zum Besseren gewendet und zunehmend wird die schreckliche Geschichte der deutschen Heime aufgearbeitet. Mittlerweile langsam auch die Geschehnisse in den Behinderteneinrichtungen und Psychiatrien - und das nicht nur während der Nazizeit, sondern bis hinein in die 90er Jahre. Von der heutigen Situation spricht man jedoch noch recht wenig, da verdienen ja viele noch richtig gut daran, bzw. bestreiten dort ihren Lebensunterhalt.

Heute, da diejenigen, die damals in ihrem jugendlichen Schwung die Gesellschaft herausforderten und in einigen Bereichen auch veränderten, im sogenannten Seniorenalter angekommen sind, darf die Frage gestellt werden, was von der damaligen Protestkultur, dem kritischen Denken und dem Streben nach Veränderung noch übrig geblieben ist. Denn diese Generation hat bereits Kontakt mit dem Altenhilfesystem aufgenommen, bzw. wird dies zu großen Teilen bald vor sich haben. Und dieses System unterscheidet sich nur unwesentlich von den aussondernden und zum Teil menschenrechtsverachtenden Rahmenbedingungen der sogenannten Behindertenhilfe, die genauso einrichtungsgeprägt ist, wie die Altenhilfe. Hunderttausende behinderter Menschen müssen in Behinderteneinrichtungen leben und sich dort meist ohne ernst zu nehmende Alternativen dem institutionellen Alltag anpassen. Und noch mehr ältere Menschen leben bereits in sogenannten Altenheimen, Altenpflegeheimen, Seniorenresidenzen oder wie sie gerade auch heißen. Je nach finanzieller Betuchtheit spüren die Menschen dort mehr oder weniger das, was behinderte Menschen in den Einrichtungen meist auch erleben, ein hohes Maß an Aussonderung mit all seinen Facetten. Und die heutigen Systeme sind meist genau so verlogen, wie die damaligen. Immer mehr Einrichtungen leisten sich PressesprecherInnen, die über alles möglich vermeintlich tolle berichten, nur nicht darüber, wie es ihren Insassen wirklich geht.

Wäre da nicht der Drang der älteren Generation - und wahrscheinlich unserer Gesellschaft allgemein - diese Zustände so lange im Glauben an die eigene Gesundheit zu verdrängen, bis man selbst davon betroffen ist und sich nicht mehr richtig wehren kann, böten die vielen Sondereinrichtungen in Deutschland einen idealen Schauplatz für so manche Revival-Aktion der 68er Bewegung. Statt Kommune 1 das städtische Altenheim mit Doppelzimmer, Warten auf die PflegerInnen, gemeinsames Singen und Basteln und vor allem wenigen Möglichkeiten, jemals wieder raus zu komnen. Welch Protestpotenzial, welche Menschenrechtsbewegung im eigenen Land könnte daraus entstehen, damit der Marsch in die Institutionen gestoppt und würdige ambulante Alternativen geschaffen werden, die Inklusion auch weiterhin ermöglichen. Vielleicht tut sich ja was, wenn Mick Jagger 80 wird, derzeit ist auf jeden Fall noch kaum Regung der mittlerweile alten 68er in diese Richtung zu vernehmen. Der Marsch aus den Institutionen wird also wohl noch warten müssen. Jetzt ist ja auch erst ma Sommer und man kann sich die Sache entspannt von Malle aus betrachten.

Lesermeinungen zu “Wann kommt die Revolte in den Altenheimen?” (6)

Von kirsti

Ist bekannt. – Ebenso wie der unbeteiligte Student Benno Ohnesorg auf einer Anti- Schah- Demo in Berlin am 2. Juni 1967 von dem später als Stasi- Spitzel enttarnten Polizeibeamten Karl-Heinz Kurras erschossen wurde.- Die Staatsanwaltschaft hatte damals das Verfahren gegen Kurras eingestellt, weil das Bildmaterial angeblich nicht ausreiche.

Von TN

Bei den Großdemonstrationen gegen Stuttgart 21 ist ein Ingenieur, der mit demonstriert hatte, von der Polizei mit einem Wasserstrahl in die Augen gestrahlt worden.

Dieser Mann ist heute fast blind.

War das (Ihrer Meinung nach) demnach eine risikolose Demonstration, bei der dieser Mann (lebenslänglich) körperlich (Verletzung) und sinnesbeeinträchtigend (Nahezu-Blindheit) zu Schaden gekommen war?

TN.

P. S.: Blind durch Staates Eingriff zu werden und zu sein, ist etwas anderes, als blind geboren oder die Blindheit durch Erkrankung 'bekommen' zu haben.

Von kirsti

Ganz so einfach sollte es man sich mit der 68- Bewegung nicht machen: Ohne sie gäbe es viele Selbstverständlichkeiten nicht, mit denen wir heute doch ganz gut leben und uns eingerichtet haben– auf „Malle“ hat es nie einen 68-er hingezogen; eher auf Anti- Kriegs- Demonstrationen, die heute kaum mehr vorstellbar sind. Gegen die "Notstandsgesetze", die Anti- Atom--Kraft- Bewegung, auch gegen die "große Koalition" aus CDU und SPD.- Bitte den Tod von Rudi Dutschke, sein Lebenswerk und den Tod von Benno Ohnesorg nicht vergessen!- Wer hat heute gegen Fluglärm, die Stuttgart-21- Demonstration zieht, hat nicht so viel zu befürchten, wie damals die „Anti-Schah-Demonstranten“ oder die Hausbesetzer. Natürlich weiß man rückblickend vieles besser!

Aber bitte dann auch Verantwortung übernehmen; z.B. wie Rio Reiser mit seinem Song „Wenn ich König von Deutschland wär,…“, vorschlägt...

Von Behindert_im_System

Zitat:
„Vielleicht tut sich ja was, wenn Mick Jagger 80 wird, derzeit ist auf jeden Fall noch kaum Regung der mittlerweile alten 68er in diese Richtung zu vernehmen.“

Wird diese Schlagzeile, dass der Mick Jagger den Durchbruch schaffte, dann auch auf Kobinet veröffentlicht?

Von TN

P. S.: Die Grünen sind mit sich und ihrer Gier nach Macht, Geld beschäftigt.

Von TN

Sehr geehrter Herr Miles-Paul,

die Grünen heute sind beim Altern selbstgefällig geworden und in den Instiutionen landauf landab angekommen. Deshalb erwarte ich aus der Richtung der Grünen nichts, was eine Revolte in Altenheimen auch nur ansatzweise heraufbeschwören könnte.

Die Grünen, die wenigstens halbwegs etabliert sind, haben ihre finanziellen und altersabsichernden Schäfchen im Trocknen.

Revolten in den Altenheimen werden nicht stattfinden, weil in Altenheimen quasi Abhängige leben. Abhängig von den Assistenzleistungen der in den Altenheimen Arbeitenden.

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