Inklusive Bildung auf Warteposition

Veröffentlicht am von Ottmar Miles-Paul

Diana Hömmen
Diana Hömmen
Bild: Diana Hömmen

Löningen (kobinet) Als Inklusionsbotschafterin kann Diana Hömmen der Erklärung der Behindertenbeauftragten des Bundes und der Länder zur deutschlandweiten Umsetzung inklusiver Bildung voll und ganz zustimmen. Die Situation, die sie vor Ort in Sachen inklusive Bildung und derzeit auch generell zu dem Thema erlebt, hat sie zu folgendem Kommentar veranlasst.

Kommentar von Diana Hömmen

Die letzte große Schulreform gab es in Deutschland 1920, als man gesagt hat, Jungen und Mädchen gemeinsam zu unterrichten. Danach hat es in Deutschland keine große Reform mehr gegeben. Dass Inklusion tatsächlich gelingen kann, zeigen Bundesländer, die schon mehr Erfahrungen damit haben: zum Beispiel Schleswig-Holstein und Bremen, wo schon vor über 20 Jahren mit gemeinsamer Bildung begonnen wurde. Viele Bundesländer treten derzeit jedoch auf die Bremse. Gibt die Bildungspolitik bei der Inklusion zu früh auf oder? Über den Tellerrand hinaus geblickt, setzt man beispielsweise in Italien die inklusive Bildung seit 1976 um. 

Das Thema Inklusion steckt noch immer in den Kinderschuhen und wird häufig auch von Menschen auf den Weg gebracht, die keine Erfahrung mit behinderten Menschen haben und mit unrealistischen Vorschlägen die Situation manchmal eher verkomplizieren. Die Gesellschaft muss immer noch begreifen lernen, dass sie sich verändern und anpassen muss, der Mensch mit Behinderung kann das unter Umständen nicht. Ein Armutszeugnis unserer Bildungspolitik und störend dabei ist das Kooperationsverbot von Bund und Ländern. Im Klartext arbeitet man gegeneinander, anstatt miteinander. Was wir bei dem Thema Inklusion momentan im Koalitionsvertag des Bundes vorfinden ist vor allem, dass immer nur geprüft wird, aber es wird niemand verpflichtet, Inklusion zu machen. Im Koalitionsvertrag steht beispielsweise ein hoher Forschungsauftrag zum Thema Inklusion drin. Dabei besteht kein Forschungsdefizit, sondern ein Handlungsdefizit zur Umsetzung. Ich finde, man hat bereits genug geforscht, Gründe um weiter zu forschen, gibt es sicherlich genug, es zieht aber alles wie ein ausgelutschtes Kaugummi. Es ist Zeit loszulegen und die Probleme auf dem Weg zu lösen, eine Stopp Strategie ist dagegen fatal.

Anstatt nach unten zur treten und letztlich die Kinder auszusortieren und die unliebsamen rauszunehmen, sollte man nach oben treten und dem Bildungssystem bzw. der Bildungspolitik klarmachen, dass das so nicht weitergeht, denn letztlich geht es auf jedem Fall immer um Kinder. Kindern ist erst egal, ob ein Kind eine Behinderung hat oder nicht. Die damit ein Problem haben, sind meist die Erwachsenen, die den Konflikt auf dem Rücken der Kinder austragen.

Im Landkreis Cloppenburg haben sich einige Schulen auf den Weg zur inklusiven Schule gemacht und das ist gut so. Aber auf dem Weg zu einer diesem Menschenrecht entsprechenden Inklusion ist noch viel zu tun. Es gibt aber auch zahlreiche Beispiele, die belegen, dass gemeinsamer Unterricht unter den richtigen Rahmenbedingungen für alle Kinder ein Gewinn ist. Nur dringen diese Erzählungen zurzeit nicht durch, weil sie sich nicht so gut verkaufen lassen. Bildung ist mehr als die Vermittlung von Lernstoff. Sie ist auch Persönlichkeitsbildung und –stärkung. Und sie findet nicht nur an Schulen statt. Jetzt abzuwarten, bis irgendwann mehr Geld und Personal zur Verfügung steht, oder gar das Rad zurückzudrehen, wäre verschenkte Zeit. Denn es ist nicht zuletzt eine Frage der Haltung, die das gesellschaftliche Inklusionsklima bestimmt. Und es geht um die Bereitschaft, sich auf die Reise zu machen. Dabei können wir viel von Kindern lernen.