Kulturmagazin Outscapes stellt Kunst mit Inklusionshintergrund vor

Veröffentlicht am von Ottmar Miles-Paul

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Bild: ht

Halle (kobinet) Teilhabe-Kultur zu leben heißt für die Inklusionsbotschafterin Jennifer Sonntag auch, Kunst und Literatur von Menschen mit Behinderungen erlebbar zu machen. Das Magazin "Outscapes" veröffentlichte in seiner jüngsten Ausgabe zwei Beiträge über KünstlerInnen mit Behinderungen, wobei sich die beiden Portraitierten, zu denen auch Jennifer Sonntag gehört, nicht allein über ihre Behinderung definieren. Da die Printausgabe des Kulturmagazins für einige Menschen mit Behinderungen nicht lesbar ist, stellte der Verlag auf Initiative von Jennifer Sonntag den kobinet-nachrichten die elektronischen Textfassungen ungekürzt zur Veröffentlichung zur Verfügung. Ein herzlicher Dank an Tristan Rosenkranz dafür.

 „Kreativität als Droge“

Benjamin Schmidt, vor Jahren nach Berlin ausgewanderter Thüringer, im Brotjob bei einer Veranstaltungsagentur tätig, kann´s einfach nicht lassen, gute Bücher zu veröffentlichen und ganz nebenher auch diverse Lesungen und Touren abzuhalten. Unlängst erschien in der „Edition Outbird“ mit seinem Lyrikneuling „Fick die Musen“ ein ziemlich berührendes Stückchen Lyrik, dass im Kern facettenreich die Zerbrechlichkeit und Verlustgefahr von Liebe thematisiert.

Benjamin, das ebenso wunderschöne wie morbide Cover Leo Rumerstorfers für Dein neues Buch „Fick die Musen“ verspricht nicht zu viel, vielmehr zeigt es 1:1 auf, was Deine Leserschaft erwartet: verletzte, verletzliche, manchmal trotzig-resignierende, manchmal beschwingte Lyrik, die zutiefst unter die Haut geht. Man bekommt den Eindruck einer mitreißenden Zäsur, die ihren Weg in Deine Verse fand. Hast Du den Glauben an die Liebe verloren?

Vielen Dank für die lieben Worte zu meinem Buch. Aber natürlich habe ich den Glauben an die Liebe nicht verloren, sofern es da einen Glauben gibt. Ich liebe einfach und höre auch nicht damit auf. „Fick die Musen“ zu schreiben war sehr aufwühlend für mich und mit vielen schlaflosen Nächten verbunden. Lyrik ist für mich immer etwas sehr Intimes und auch Mitreißendes, deshalb würde ich mir wünschen, dass „Fick die Musen“ auch die schönen Seiten des Liebens und des Schreibens aufzeigt, auch wenn die Grundtonart natürlich eher Moll ist. Besonders freue ich mich darüber, dass das Cover so gut ankommt, denn ich halte Leo für einen der größten noch lebenden Künstler und seine dämonischen Musen haben genau das zur Geltung gebracht, was ich versucht habe in Worte zu kleiden. Dabei macht der Mann seit Ewigkeiten keine Federzeichnungen mehr, was mich einfach sprachlos macht.

Wer sich mit Deinen Texten auseinandersetzt und Dich etwas näher kennenlernt, nähert sich auf sehr sympathische Weise hoher männlicher Sensibilität an. Magst Du wider abgehangener Klischees eine Lanze für sensible Männer brechen (die ja allzu oft ihren Weg in Literatur und Kunst finden, um sich auszudrücken)?

Nein, also… nein. Ich finde generell, dass die Welt etwas mehr Gefühl vertragen könnte, vielleicht auch mehr Sensibilität. Bei all der Rohheit und Verhärtung der Gemüter wäre es mehr als nur erfreulich, könnte ich mit meinen Büchern ein wenig dagegenhalten. Das bezieht sich dann aber auf einen gewissen Zeitgeist, der keine Tiefe mehr kennt, sondern nur noch Härte. Als Mann erfülle ich sicher selbst ein paar abgehangene Klischees – aber bei weitem nicht alle!

Du bist ja schon eine ganze Weile aktiv – als Autor, charmanter Bühnenquerkopf, Multiprojektjunkie. Was treibt Dich an, was füllt Dich aus, was ist die Botschaft hinter Deiner Literatur?

Schwierig. Ich bin nicht intelligenter als jeder andere auch und somit kann die Botschaft oder der Sinn dahinter nur sein, meine Kunst zu teilen und auf diese Weise dazu beizutragen, dass Menschen sich darüber unterhalten, nachdenken, weiterdenken. Es ist schön, zu jemandem durchzudringen und ihm ein Gefühl zu geben, das sein Leben bereichert. Ich verkünde keine Weisheiten, aber ich gebe Denkanstöße, so wie die Kunst keine Befehle erteilen oder Wahrheiten verkünden kann. Aber sie kann, sie sollte wahrhaftig und fühlbar sein und Türen öffnen, nicht verschließen.

Was mich dabei antreibt? Ich weiß es wirklich nicht… Ich habe schon oft darüber nachgedacht, es einfach sein zu lassen, aber am Ende ist es wie eine Sucht, eine Form der Abhängigkeit, die manchmal sehr erbärmlich und hässlich sein kann. Aber eben auch unheimlich berauschend. Kreativität ist meine Droge. Ich brauche das einfach für mich und anders als bei anderen Süchten: Neben der Zerstörung, kann ich etwas erschaffen, was auch anderen etwas bedeutet. Wenn das nicht ein großer Antrieb ist…

Unter anderem engagierst Du Dich mit Jennifer Sonntag und Franziska Appel in (kreativ)literarisch inklusiven Projekten, Du selbst bist durch eine, wie Du auf Deiner Website schreibst, „verhängnisvolle Entscheidung“, körperlich behindert. Willst Du uns mehr darüber erzählen? Welche Projekte sind das, was steckt dahinter?

Mit Franzi arbeite ich derzeit an einem erotischen Kurzgeschichtenband, der Menschen mit verschiedenen Behinderungen in Wort und Bild beim Sex oder anderen sinnlichen Abenteuern zeigen wird. Die Zusammenarbeit ist so spannend und vielseitig. Ich freue mich wie ein Kind, wenn ich auf ihre Bilder und Texte warte. Mich langweilen bei erotischer Literatur eben oft Stereotypen, überhaupt diese strahlende Überblendung, wenn es um Sex geht. Sex hat weniger mit dem Körper zu tun als mit dem Kopf und den haben Behinderte ja auch. Auch sie haben ein Recht anspruchsvolle, erotische Kunst zu genießen, mit der sie sich identifizieren können und auch für alle anderen soll es eine spannende Erfahrung sein. Das Zusammenspiel zweier gesunder und dem Schönheitsideal entsprechender Körper macht noch keinen guten Sex aus. Das Behinderte auch als sexuelle Wesen wahrgenommen werden, wäre daher schon ein wichtiges Anliegen. Abgesehen davon, macht es mir aber einfach nur Spaß darüber zu schreiben – durch meinen Selbstmordversuch und die daraus resultierende Querschnittslähmung habe ich ja selbst so meine Erfahrungen machen dürfen und auch Franzi weiß zu diesem Thema einiges zu sagen. Die Welt ist vielseitig. Sex ist vielseitig. Also schreiben wir darüber, um diese Vielfalt zu erhalten.

Für Jenny habe ich lediglich das Grafikdesign für ihr wundervolles „Seroquälmärchen“ übernommen. Ich liebe wirklich alles, was sie schreibt und in Zukunft wird es sicher noch die eine oder andere Überschneidung unserer Arbeit geben, weil es einfach eine Herzensangelegenheit ist.

Seit vielen Jahren schon bist Du mit M. Kruppe freundschaftlich und als Autoren- und Tourkollegen verbunden. Die letzte „Sex & Drugs & LiteraTOUR“ ist nun aber schon eine ganze Weile her. Wann gibt´s eine Neuauflage?

Ja, M.Kruppe und mich verbindet eine sehr innige Freundschaft und natürlich bewundere ich ihn auch für seine Texte, die kein anderer so schreiben könnte – davon bin ich überzeugt. Ich trinke oft nach einem Solo-Auftritt den ersten Schnaps auf ihn, aber das habe ich ihm nie erzählt. Die SDL-Touren sind deshalb immer etwas Besonderes für mich und auch in diesem Jahr soll es einige Auftritte geben. Dazu kann ich aber derzeit noch nicht viel verraten.

Leider habt Ihr beim damaligen Tourtermin in Gera die Erfahrung machen müssen, wie ein Veranstalter ganz und gar nicht ticken sollte. Einer Deiner Texte greift das Desaster auf. Was war passiert und was sollte ein Veranstalter unbedingt tun und unbedingt vermeiden?

Haha, nicht nur in Gera. Es gibt hier und da immer mal wieder Probleme, wenn Veranstalter glauben, es wäre die Aufgabe des Künstlers, Werbung zu machen. Meistens ist das Desaster vorprogrammiert, wenn Veranstalter nicht an ihre Veranstaltungen glauben, dann sollten sie diese nicht annehmen. Es ist scheiße, als Künstler irgendwo zu Gast zu sein und dann nicht wie ein Gast behandelt zu werden, sondern wie ein Störelement. Es gibt aber auch wahnsinnig sorgsame und engagierte Veranstalter, was wir auch schon sehr oft erleben durften. Ein fairer Deal und Höflichkeit sind eigentlich schon mal gute Voraussetzungen und wenn es mal nicht so läuft, trotz aller Bemühungen – dann Offenheit und der Wunsch für beide Parteien einen annehmbaren Kompromiss zu finden.

Was wird in naher Zukunft von Dir zu erwarten sein? Und was magst Du Deiner und unserer Leserschaft mit auf den Weg geben?

Oh je – es gibt so viele Projekte, die in Aussicht zu stellen noch etwas gewagt wären. Das Kunstprojekt mit Franziska Appel liegt aber in greifbarer Zukunft, dazu soll es auch mehrere Lesungen und Ausstellungen geben. Mein Fantasy-Roman wartet auch schon ungeduldig auf Fertigstellung, sowie das ein oder andere musikalische Projekt – sehr spannend also!

Zum Schluss würde ich meinen Lesern gerne mein neues Buch mit auf den Weg geben in der Hoffnung, ihnen damit ein nachhaltiges Lesevergnügen zu schenken - und auch von ganzem Herzen im Interview genannte Künstler empfehlen: Leo Rumerstorfer, Jennifer Sonntag, Franziska Appel, M.Kruppe…

Benjamin, wir danken Dir für dieses Gespräch.

Ich habe zu danken. Haut rein!