Schüler wegen Diabetes von Wandertag ausgeschlossen

Veröffentlicht am von Ottmar Miles-Paul

Jennifer Sonntag
Jennifer Sonntag
Bild: Jennifer Sonntag

Halle (kobinet) Die Inklusionsbotschafterin Jennifer Sonntag staunte nicht schlecht, als die Leiterin ihrer Aktionsgruppe bekannt gab, sie müsse zum nächsten Treffen ihr Enkelkind mitbringen, es dürfe wegen seiner Diabeteserkrankung nicht mit zum Wandertag. Seine Lehrerin traue sich "das" nicht zu, denn es sei schwierig, im Bedarfsfall die nötigen Koordinaten für einen Pflegedienst durchzugeben. "Geschätzte Mitpädagoginnen, haben wir nicht diesen Beruf erlernt, um im Interesse eines jeden Kindes kreative und intelligente Lösungen zu finden und sollte es uns nicht ein großes Anliegen sein, Kinder nicht aktiv aus dem Gruppengeschehen auszuschließen?" Dies fragt Jennifer Sonntag in ihrem Beitrag für die kobinet-nachrichten.

"Hier ist Exklusion vorprogrammiert. Auch für ein diabeteserkranktes Kind ist Bewegung an der frischen Luft gesund und es möchte nicht zum Sonderling erklärt werden, weil es plötzlich die oder der ist, der nicht mehr dabei sein darf. Und dann auch noch die doppelte Diskriminierung: das Kind sollte am betreffenden Tag zur Schule gehen, in eine andere Klasse, während sich seine MitschülerInnen beim Wandertag vergnügten. Geschätzte MitpädagogInnen, wie weit sind wir mit dem Bundesteilhabegesetz gekommen? Ich persönlich finde es beschämend, in unserer Berufsgruppe immer wieder so viel Befangenheit vorzufinden. Besonders irritierend: es handelt sich um eine Schule für Kinder mit Lernschwierigkeiten. Sollte ein Blicken über den Tellerrand hier nicht selbstverständlich sein? Wo ist dann die Legitimation für Förderschulen? Nun gehört Diabetes sicher nicht zur Kernkompetenz, doch was wäre, wenn sich ein Kind beim Wandertag ein Bein bricht? Auch hier müsste man die Koordinaten für die SanitäterInnen durchgeben. Und was wäre, wenn andere Anfallsleiden, etwa Epilepsie, vorlägen oder eine Kombination von Behinderungsformen? Geschätzte 'KernkompetenzlerInnen', dies ist auch ein Aufruf an euch, an uns alle: es gibt nicht das klassische Kind mit Lern-, Seh-, Hör- oder Gehbehinderung, es gibt ja auch nicht das klassische Kind ohne Behinderung. Wann setzen wir endlich das Wort Vielfalt bildungspolitisch um? Sind denn nicht auch unsere eigenen Kinder ganz speziell und individuell und Wollen wir sie deshalb ausgegrenzt wissen? Finden wir es richtig, dass Lehrende Exklusion lehren? Sicher gibt es Dinge, die riskant sind, es gibt Eventualitäten, die man verantwortungsbewusst durchspielen und Absprachen, die man treffen muss und es gibt Grenzen. Nicht alles ist möglich, aber wenn wir schon anfangen, einen Schüler wegen Diabetes(!) vom Wandertag auszuschließen, was ist dann erst mit Kindern mit schwerwiegenderen Behinderungen, da wäre ja für Ausreden aller Art Tür und Tor geöffnet und das auch noch mit voller pädagogischer Absicht. Pfui, sage ich da als Pädagogin!"