Persönliche Assistenz im Krankenhaus finanzieren

Veröffentlicht am von Ottmar Miles-Paul

Corinna Rüffer
Corinna Rüffer
Bild: Irina Tischer

Berlin (kobinet) Behinderte Menschen, die dauerhaft von einem persönlichen Assistenten im Alltag unterstützt werden, benötigen diese Unterstützung meistens auch während eines Krankenhausaufenthaltes. Finanziert wird das aber nur in bestimmten Fällen. Das kann fatale Folgen haben. Ändern möchte die Bundesregierung trotzdem nichts. Dies berichtet die behindertenpolitische Sprecherin der Bundestagsfraktion von Bündnis 90/Die Grünen, Corinna Rüffer.

Persönliche Assistentinnen und Assistenten unterstützen bei der Körperpflege, bei der Kommunikation, der Ernährung, der Mobilität und überall dort, wo sie gebraucht werden. Behinderte Menschen, die mit Persönlicher Assistenz leben, arbeiten ihre Assistentinnen und Assistenten ein, so dass ein Vertrauensverhältnis entsteht und die Assistenzkräfte genau wissen, was sie tun müssen, um Schmerzen zu vermeiden und Selbstbestimmung zu ermöglichen, heißt es auf der Internetseite von Corinna Rüffer. "Auf meine Nachfrage, ob Assistenzkosten auch im Krankenhaus grundsätzlich übernommen werden sollten, zeigt die Bundesregierung zunächst Problembewusstsein: So seien 'besonders bei Personen, die wegen ihrer Behinderung dauerhaft auf eine persönlich Assistenz angewiesen sind, Defizite in der pflegerischen Versorgung in Akutkrankenhäusern aufgetreten'. Trotzdem möchte sie nicht für alle Abhilfe schaffen", erklärte Corinna Rüffer.

"Nur wer seine Assistenzkräfte über das sogenannte Arbeitgebermodell selbst eingestellt hat und nicht mit einem ambulanten Dienst zusammenarbeitet, darf von ihnen ins Krankenhaus begleitet werden. Das ist absurd, denn der Bedarf besteht ja unabhängig von der Beschäftigungsform der Assistenzkräfte. Er orientiert sich an der Beeinträchtigung: Wer nur mit Unterstützung essen kann, braucht diese Unterstützung, ob sie nun von selbst eingestellten Assistenzkräften oder von Angestellten eines ambulanten Dienstes geleistet wird. Im Krankenhaus kann es dramatische Folgen haben, wenn die notwendige Assistenz fehlt. Unnötige Schmerzen, Kommunikationsprobleme und vermeidbare Notsituationen sind denkbar", so Corinna Rüffer.

Die Bundesregierung möchte trotzdem weiterhin nur das Arbeitgebermodell begünstigen, weil der behinderte Mensch als Arbeitgeber/in gegenüber den Assistenzkräften besonders vertraglich verpflichtet sei. Das aufgebaute "eigene Pflegesystem" solle aufrechterhalten werden können, wenn der Arbeitgeber bzw. Arbeitgeberin im Krankenhaus ist. Alle anderen können zwar eine Begleitperson (beispielsweise eine Verwandte oder einen Freund) mitnehmen, sofern das medizinisch Notwendig ist. Doch für behinderte Menschen, deren Assistenz durch ambulante Dienste abgedeckt wird, ist das keine Lösung. Denn die Kosten für die Assistenzkraft werden bei diesem Modell nicht finanziert, betont Corinna Rüffer. "Persönliche Assistenz muss im Krankenhaus für alle zur Verfügung stehen, die sie benötigen. Wie die Assistenz arbeitsrechtlich geregelt ist, darf nicht das Unterscheidungskriterium sein."

Link zu weiteren Infos und zur Antwort der Bundesregierung

Lesermeinungen zu “Persönliche Assistenz im Krankenhaus finanzieren” (13)

Von Gisela Maubach

Fortsetzung:

Mit derartigen Fragen muss die Mutter sich nun beschäftigen, obwohl eindeutig ist, dass die WfbM die falsche Leistung für die junge Frau wäre.

Eigentlich war vorhersehbar, dass die Vorrangigkeit der WfbM (§ 102 Abs. 2 BTHG) und § 200 SGB IX als Steuerungsinstrument auch bei anderen Kostenträgern Begehrlichkeiten wecken und diejenigen Menschen, die keine Chance auf den Arbeitsmarkt haben, dort unter sich verwahrt werden sollen und von Inklusion dauerhaft ausgeschlossen bleiben sollen.

Aufgrund dieser Erfahrungen und Folgeerscheinungen ist es zwingend erforderlich, Eltern der Betroffenen (die sich nicht selbst mitteilen können) in NICHTS ÜBER UNS OHNE UNS mit einzubeziehen, denn Menschen mit ganz anderen Behinderungen machen derartige Erfahrungen ja gar nicht, mit denen wir uns rumschlagen müssen.

Wir Eltern wollen nicht nur als "Lösung" bei Unterversorgung herhalten, sondern wir sind aufgrund unserer langjährigen Erfahrung auch die geeignete Selbstvertretung für "unsere" Betroffenen, die dazu nicht in der Lage sind. Andere haben "unsere" Interessen bisher ja leider nicht wirklich wahrgenommen, und es kann nicht akzeptiert werden, dass ein ganzer Personenkreis bei Inklusionsbemühungen "vergessen" wird - nur weil wir Eltern nicht selbst behindert sind.

Und die Lebenshilfe dürfte wohl auch kein Interesse daran haben, politische Forderungen aufzustellen, die diesen (!) Menschen das Vermeiden (!) der Werkstätten möglich macht, deren Träger die Lebenshilfe gleichzeitig ist.

Ja - der Krampf geht weiter.
Wir haben auch heute noch keinerlei Reaktion auf meinen Antrag auf Weiterbewilligung des Budgets, das Ende dieses Monats ausläuft.

Die menschenverachtende Vorgehensweise von Kostenträgern, die uns Angehörigen ganz offensichtlich mürbe machen soll, müsste sanktioniert werden. Dann hätten wir vielleicht eine Chance . . .

Herzliche Grüße und ein entspanntes Wochenende wünscht
Gisela Maubach

@ kirsti

volle Zustimmung!

Von Gisela Maubach

Sehr geehrter Herr Dr. Theben,

herzlichen Dank für diese zustimmende Mitteilung!

Auch ich begrüße es, wenn sich auch Menschen mit Lernschwierigkeiten in Verbänden engagieren können, aber es gibt halt auch Menschen, deren geistige Behinderung so schwer ist, dass sie dazu nicht in der Lage sind.

Und auch diesen Menschen muss eine Form von "Selbstvertretung" ermöglicht werden, damit ihre Benachteiligungen politisch wahrgenommen werden.

Im Landkreis Aschaffenburg erhielt die Mutter einer gänzlich arbeitsunfähigen jungen Frau gestern Post vom Grundsicherungsamt. Obwohl hier seit Anfang 2003 Grundsicherung bezahlt wird, erklärt das Amt, dass es aufgrund einer Gesetzesänderung erforderlich sei, erneut die Zuordnung zum Personenkreis des § 41 SGB XII zu überprüfen.

Diese junge Frau besucht eine Tagesförderstätte, weil sie nicht in der Lage ist, eine wirtschaftlich verwertbare Arbeitsleistung zu erbringen, und jetzt fällt dem Grundsicherungsamt nach 15 Jahren plötzlich auf, dass ihnen gar keine Stellungnahme des Fachausschusses einer WfbM gemäß § 45 Satz 3 Nr. 4 SGB XII vorliegt.

Innerhalb dieses Schreibens vom Grundsicherungsamt wird die Mutter auf die Folgen fehlender Mitwirkung hingewiesen, so dass sich die Frage ergibt, was das Grundsicherungsamt mit einer derartigen Überprüfung bezweckt.

Ganz offensichtlich wünscht das Grundsicherungsamt den Übergang in die WfbM.

Laut § 102 Abs. 2 BTHG wäre diese Leistung dann vorrangig vor der Sozialen Teilhabe.

Und gemäß § 200 SGB IX können ab 1.1.2018 andere Leistungen entzogen werden, wenn die WfbM verweigert wird.

Hofft das Grundsicherungsamt darauf, dass bei Aufnahme in eine WfbM während des Eingangsverfahrens und des Berufsbildungsbereiches die Grundsicherung wieder gestrichen werden kann?
Oder will man durch die WfbM-Aufnahme Rentenversicherungsbeiträge entstehen lassen, die zukünftig wegen der vollen Anrechenbarkeit zur Minimierung der Sozialhilfe führt?

Von Dr. Theben

Sehr geehrte Frau Maubach,

jetzt danke ich Ihnen für diesen erklärenden Beitrag! Jedenfalls für MICH gehören Ihr Sohn und Sie definitif zum UNS.

Der K(r)ampf geht weiter fürchte ich. Bitte wissen Sie beide mich da an Ihrer Seite

Übrigens: Im Vorstand der Lebenshilfe Berlin ist jetzt auch ein Mensch mit sog. Lernschwierigkeit - Chritian Specht, ein langjähriger Aktivist hier in der linken Berliner-Politszene.

Herzliche Grüße an Sie beide

DR. Martin Theben

Von kirsti

Zum Punkt NICHTS ÜBER UNS GEGEN UNS folgende Konkretisierung aus meiner Sicht:

Den Ausführungen über die „WfbM- Verwahrung“ stimme ich Frau Maubach vollkommen zu. Hinzuzufügen ist allenfalls, dass der Kreis derjenigen, die von denen da „Oben“ in eine WfbM abgeschoben werden, um wie es euphemistisch heißt „Teilhabe am Arbeitsleben“ zu erfahren, von den Agenturen für Arbeit, Sozialhilfeträgern u.a. durch einfaches Aussortieren beliebig erweitert werden kann und in der Praxis auch erweitert wird.

So bestimmt der Kampf GEGEN eine WfbM häufig das Leben von Behinderten und deren Angehörigen in unerträglicher Weise. Hierunter fallen alle diejenigen, die aus unterschiedlichen Gründen durch das Raster des „normalen“ Lebens fallen. Alleine das Merkmal „Behinderung“ ist entgegen unseres GG und entgegen der UN-BRK Grund genug: so reicht es mitunter aus, dass der Mensch mit Behinderung nicht auf dem ersten Arbeitsmarkt vermittelt werden kann. Da aber „Teilhabe am Arbeitsleben“ vorrangig vor allen anderen Bedürfnissen gestellt wird, so sieht es das BTHG mit seinem berüchtigten § 102 vor, kann es jeden, der nicht das Glück oder auch den Zufall auf seiner Seite hatte, zu denjenigen gehören, der morgen in einer WfbM angetroffen wird.

Und an dieser Stelle behaupte ich, dass dies nicht nur die „schwerstgeistig“ Behinderten trifft, sondern alle, die irgendwie anders, eben „behindert“ sind…und unter anderen und eben auch zufällig besseren Bedingungen eine andere Lauf- und Lebensbahn eingeschlagen hätten. Es reicht aus, zum falschen Zeitpunkt am falschen Ort zu sein.

Denn wer „erwerbsfähig“ oder „nicht-erwerbsfähig“ ist, bestimmen immer noch die Verbände und Behörden im schönen Zirkelschluss im eigenen Sinn und zu ihren Gunsten relativ intransparent.

Denn das Leben ist so, und zum größten Teil ungerecht, und die Herrschenden verfahren willkürlich.


Von Gisela Maubach

Fortsetzung:

Wenn Sie konkret fragen, ob der Wahlrechtsausschluss für meinen Sohn ein Luxusproblem oder (!) doch ein elementarer Eingriff in sein Grundrecht ist, macht diese Frage deutlich, dass der von mir gewählte Begriff "Luxusproblem" gar nicht richtig wahrgenommen wurde.

Zunächst ist zu erwähnen, dass mein Sohn noch nie vom Wahlrecht ausgeschlossen war, obwohl er den Sinn einer Wahl noch nicht mal ansatzweise verstehen kann. Wenn bei der Betreuerbestellung in der Urkunde die "Angelegenheiten" alle einzeln aufgeführt sind, dann ist dieser Mensch auch nicht vom Wahlrecht ausgeschlossen. Und die Amtsgerichte in unserem Landkreis machen das grundsätzlich so, so dass bei uns auch niemand (!) vom Wahlrecht ausgeschlossen ist und auch noch nicht war.

Ich habe nie behauptet, dass es kein Eingriff in das Grundrecht eines Menschen ist, wenn man ihm das politische Wahlrecht vorenthält.
Da dies aber nur Menschen mit Behinderungen betrifft, bei denen in der Bestellungsurkunde wörtlich "alle Angelegenheiten" steht, halte ich es sogar für zwingend notwendig, darauf hinzuweisen, dass das Vorenthalten eines menschenwürdigen Lebens für eben diesen Personenkreis (durch grenzenloses Schikanieren der Kostenträger und Vorrangigkeit der WfbM-Verwahrung) eine wesentlich höhere Priorität hat, als das Wahlrecht, das ununterbrochen - auch heute wieder - von denjenigen thematisiert wird, die ihrerseits keineswegs davon betroffen sind.

Daher betrachte ich mich bei NICHTS ÜBER UNS OHNE UNS durchaus bei UNS als zugehörig, weil mein Sohn dazu nicht in der Lage ist und z.B. ein Mensch mit Sehbehinderung weniger Erfahrung mit einer schweren geistigen Behinderung incl. Epilepsie hat als ich. Und die Fachverbände wie Lebenshilfe etc. (deren Vertreter meist auch keine eigenen Behinderungen haben) gehören schon aufgrund ihres Interessenkonflikts als Sondereinrichtungsträger noch weniger zu UNS.

In diesem Sinne grüße ich auch Sie herzlich!
Gisela Maubach

Von Gisela Maubach

Sehr geehrter Herr Dr. Theben,

vielen Dank für Ihre Erklärung!

Dann ist die alles entscheidende Frage also:

Wer gehört beim Slogan "NICHTS ÜBER UNS OHNE UNS" zu "UNS"?

Sie beschreiben eine "Definitionsmacht" von uns Angehörigen darüber, "zu entscheiden wann Menschen mit Behinderungen für sich selbst sprechen, agieren können und wann nicht".

Diese "Macht" hatte ich keineswegs, sondern ab Volljährigkeit geht diese Macht auf das Amtsgericht über. Sowohl der Verfahrenspfleger als auch der Richter höchstpersönlich hatten Kontaktversuche unternommen. Ein vom Gericht ausgesuchter Gutachter hatte sämtliche ärztlichen Unterlagen eingesehen und nach eigenen Untersuchungen ein 15-Seiten-umfassendes Gutachten erstellt.
Auch weitere Vertrauenspersonen sind gehört worden.
Letztendlich hat das Amtsgericht seine Macht ausgeübt und mich in allen Aufgabenkreisen zur gesetzlichen Betreuerin bestellt.

Ich wehre mich entschieden gegen die immer wieder durchklingende Unterstellung, dass wir als Eltern nicht alles versucht hätten, bei unseren Kindern mit schwersten geistigen Behinderungen nicht doch irgendeine Fähigkeit der Selbstvertretung hervorgezaubert zu haben.

Wenn jemand weiß, über welche Fähigkeiten unsere geistig schwerstbehinderten Söhne und Töchter verfügen, dann sind das wir Eltern.
Es ist nicht nur ein Mal passiert, dass andere Menschen sich gewundert hatten, warum ich plötzlich aufgesprungen bin, als mein Sohn plötzlich angefangen hat zu "brummen". Niemand anders konnte nämlich wissen, dass das der Beginn eines epileptischen Anfalls war und ich meinen Sohn gerade noch auffangen konnte, um beim Stürzen schwere Verletzungen zu vermeiden.

Nur aufgrund langjähriger Erfahrungen wissen wir Eltern, in welchen Situation unsere Söhne und Töchter Freude zum Ausdruck bringen bzw. was sie vollkommen ablehnen.

Und genau deshalb gehören wir Eltern zu "UNS", wenn es um NICHT ÜBER UNS OHNE UNS geht.


Von Dr. Theben

SEhr geehrte Frau Maubach,

das will ich gerne tun. Zwei Dinge sind hier m.E. voneinander zu unterscheiden: Ihre inhaltlichen Aussagen zum Behördenversagen, der Werktatt- und Förderstättenproblematik oder zum dortigen Zwangspoolen teile ich uneingeschränkt.

Der (mögliche) Interessenkonflikt hat etwas mit dem Slogan NICHTS ÜBER UNS OHNE UNS zu tun. Angehörige von Menschen mit Behinderungen sind eben selbst keine Menschen mit Behinderungen. Sie teilen deren Ausgrenzungserfahrungen, erleben diese aber naturgemäß nicht selbst. Dennoch treffen manche Angehörigen dann Aussagen oder Wertungen für ihre behinderten Kinder, Ehepartner etc. Und das kann beispielsweise zu der Frage führen wer die Definitionsmacht darüber besitzt, zu entscheiden wann Menschen mit Behinderungen für sich selbst sprechen, agieren können und wann nicht.

KOnkret: Ist der Wahlrechtsausschluss für Ihren Sohn wirklich ein Luxusproblem oder doch ein elementarer Eingriff in sein Grundrecht und WER darf diesen Befund erheben - Sie als Mutter, er selbst oder keiner...?

Ich Maße mir nicht an, diese Frage zu beantworten, sindern will nur erklären, was ich meinte.

Das ich Ihrer beider konkreten Probleme sehr und Ihr Engagement achte ist davon unahängig und steht außer FRage.

Ich grüße Sie beide herzlich.

Martin Theben

Von Gisela Maubach

Sehr geehrter Herr Dr. Theben,

können Sie kurz erklären, wie Ihre Darstellung gemeint ist, dass es zur Wahrheit gehören würde, dass es hinsichtlich der nichtbehinderten Angehörigen auch Interessenkollisionen gibt (gibt es die unter Menschen mit Behinderungen denn nicht?) . . . und dies im Zusammenhang damit, dass deren Belange "im behindertenpolitischen Diskurs nicht angemessen vorkommen".

Im Fall derjenigen, die aufgrund der Schwere ihrer geistigen Behinderung keine Chance haben, sich selbst zu vertreten, wäre es ja geradezu tragisch, wenn auch die Angehörigen ignoriert werden und nur die Sondereinrichtungsträger als "Selbstvertreter" wahrgenommen werden. Damit würde sich auch erklären, warum uns immer nur das Luxusproblem Wahlrecht angedichtet wird und unsere wirklichen Probleme ausgegrenzt bleiben. Wir sind doch nicht nur die "Lösung" bei Unterversorgung, sondern wir kennen als Vertrauenspersonen die individuellen Bedarfe und sind damit die einzigen (!), die die Selbstvertretung übernehmen können.

Sowohl die UN-BRK als auch das Benachteiligungsverbot des Grundgesetzes und das Wort Inklusion würden komplett ad absurdum geführt, wenn diesen Menschen keine wirkliche (!) Stimme ermöglicht wird und sie mit jeder Selbstverständlichkeit weiterhin extrem-gepoolt werden sollen - ohne Rücksicht auf individuelle Bedarfe.

Beste Grüße
Gisela Maubach

Von Dr. Theben

Sehr geehrte Frau Maubach,

ich gestehe gern zu, daß die Belange der (nichtbehinderten) Angehörigen, wie auch jene der behinderten Eltern (meine Frau und ich haben mehrere kleine Kinder) manchmal im behindertenpolitischen Diskurs nicht angemessen vorkommen. Andererseits gibt es, hinsichtlich der nichtbehinderten Angehörigen, das gehört zur Wahrheit, auch Interessenkolissionen.

Wasdas Budget betrifft ist es auch schon gelungen, Befristungen auf zwei Jahre zu erreichen. Und natürlich ist es inakzeptabel, wenn Behörden erst durch Gerichte "wachgerüttelt" werden müssen.

Ich wünsche Ihrem Sohn und Ihnen jedenfalls weiterhin viel Kraft und hoffe, daß Sie beide bald zeitfinden, einfach wieder Zeit für einander zu finden.

Herzliche Grüße

DR. Theben

Von Gisela Maubach

Sehr geehrter Herr Dr. Theben,

es ist in der Tat sehr bedauerlich, dass die massiven Probleme derjenigen, die sich nicht selbst vertreten können und deshalb auf ihre Angehörigen angewiesen sind, hier nie thematisiert werden.

Daher fällt es natürlich umso mehr ins Auge, wenn dann die Möglichkeit (!) der Begleitung ins Krankenhaus durch Verwandte (!) erwähnt wird und das als "Lösung" dargestellt wird, die für andere nicht möglich ist.

Aber sind wir Verwandten nur eine "Lösungs"möglichkeit bei Unterversorgung von Menschen mit Behinderung, oder haben wir (in meinem Fall nach 3 Jahrzehnten) auch das Recht auf ein eigenes Leben?

Mir ist durchaus bewusst, dass das Persönliche Budget in der Regel immer befristet gewährt wird, aber da eine Schwerstbehinderung sich ja nicht plötzlich in Luft auflöst, wäre es wirklich sehr hilfreich, wenn der Kostenträger auf den Folgeantrag dann auch irgendwann mal reagiert.

Ansonsten könnte der Eindruck entstehen, dass man nach Ablauf des Bewilligungszeitraums bewusst völlig unversorgt gelassen wird . . . in der Hoffnung, dass man dann viel zu belastet ist, um wieder Rechtsmittel einlegen zu können . . . oder in der Hoffnung auf einen Suizid, wenn die Belastungen und die Schikanen überhaupt nicht mehr tragbar sind?

Von Dr. Theben

SEhr geehrte FRau Maubach,

Sie wissen, daß ich Ihnen und Ihrem Engagement hohe Sympathie entgegenbringe und viele Ihrer Posiionen teile. Den Zusammenhang dieses Beitrages zu der Kobinet-Meldung erkenne ich nicht.

Im übrigen werden Persönliche Budget in der Regel immer befristet gewährt und es besteht auch ein Unterschied zum klassischen Arbeitgebermodell.

Herzliche Grüße

DR. Martin Theben

Von Gisela Maubach


https://www.bundestag.de/blob/194610/f588b8c6fc6c0de37ad317b6d0e21057/broschuere-data.pdf

In dieser Dokumentation des Bundestages findet man auf Seite 29 folgendes Zitat:

„Der Deutsche Bundestag und das zuständige Ministerium sollen mit geeigneten Mitteln untersuchen, was die Ursachen für das gesetzwidrige Handeln von Behörden und Kostenträgern bei der Bearbeitung und Bescheidung von Anträgen auf Leistungen der Bundesagentur für Arbeit, der Deutschen Rentenversicherung, der Träger der Sozialhilfe und der Krankenkassen sind, und die notwendigen Maßnahmen ergreifen, um dies abzustellen.“

Da sich die Verweigerungshaltung - insbesondere der Sozialämter – nicht ansatzweise gebessert hat, stellt sich die Frage nach dem Sinn der Veranstaltung, wenn die Ergebnisse dann nicht interessieren . . .

Von Gisela Maubach

Zitat aus dem Beitrag:

"Alle anderen können zwar eine Begleitperson (beispielsweise eine Verwandte oder einen Freund) mitnehmen, sofern das medizinisch Notwendig ist."

Zitat-Ende

Die pflegenden Angehörigen sind ja auch immer und grenzenlos verfügbar und belastbar.
Das Arbeitgebermodell nutzt der Kostenträger bei uns offensichtlich, um die mütterliche Belastung so unerträglich zu machen, dass ich freiwillig aufgeben soll und auf das Persönliche Budget für meinen Sohn verzichten soll.
Der Bewilligungszeitraum läuft immer ein Jahr lang - in unserem Fall von Ende Juni bis Ende Juni. Vor einem Monat habe ich nun einen Weiterbewilligungsantrag gestellt - und zwar in unveränderter Höhe.

Bis heute keinerlei Reaktion auf diesen Antrag !!!

Wie soll ein Arbeitgebermodell funktionieren, wenn man nicht die geringste Planungssicherheit hat, ob das im Folgemonat noch funktioniert oder ob ich im Alter von 61 Jahren meinen 31-jährigen Sohn wieder allein zu betreuen und zu pflegen habe?

Wie krank ist dieses System, in dem es Kostenträgern erlaubt ist, Eltern bis ins hohe Alter ohne Ende zu diskriminieren und schikanieren, weil sie ein behindertes Kind in diese Welt gesetzt haben und einen Weg finden müssen, die Bedürfnisse mit zunehmendem Alter durch andere Menschen decken zu lassen?

Und wie menschenverachtend ist diese Praxis der 1-jährigen Bewilligung mit jährlich wiederkehrendem Kampf? Soll der Kostenträger sich wirklich ausrechnen dürfen, wie lange man das noch aushält?

Menschen mit Behinderungen können sich glücklich schätzen, wenn sie Angehörige haben, die sich für die Dauerkämpfe opfern.
Aber es ist Diskriminierung allergrößten Ausmaßes, wenn man als Angehörige nur die Wahl hat, die eigene Lebensqualität oder die des Angehörigen zu opfern.

Sofern in den kommenden Tagen immer noch keine Reaktion vom Sozialamt erfolgt, wäre ich schon wieder gezwungen, das Sozialgericht um Gewährung einstweiligen Rechtsschutzes zu bitten - wie bereits im vergangenen Jahr . . .

Lesermeinung schreiben?

Beim erstmaligen Schreiben Ihrer Lesermeinung werden Sie zur Registrierung geleitet. Dabei erkennen Sie die Nutzungsbedingungen und die Netiquette an.Sie erhalten eine Bestätigungs-E-Mail. Bitte schauen Sie auch in Ihren Spamordner. Bestätigen Sie den Empfang durch Klicken auf den angezeigten Link. Sie erhalten ein Fenster und ergänzen Ihren Anzeigenamen und Ihren persönlichen Namen zur E-Mailadresse. Die Lesermeinung ist auf 2000 Zeichen begrenzt und Sie können bis 14 Tage nach Veröffentlichung der Nachricht schreiben.