Tatort von Heimbetreibern gesponsert?

Veröffentlicht am von Ottmar Miles-Paul

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Berlin (kobinet) Wurde der Tatort aus Bremen, den die ARD am Sonntagabend (11. März) ausstrahlte und bei dem es um Probleme in der ambulanten Pflege ging, von Heimbetreibern gesponsert? Dieser Verdacht drängt sich nach Ansicht der Interessenvertretung Selbstbestimmt Leben in Deutschland (ISL) auf, denn die pflegenden Angehörigen wurden mehrfach mit der Frage konfrontiert, ob ein Heimplatz nicht die bessere Alternative sei.

ISL-Geschäftsführerin Dr. Sigrid Arnade zeigte sich nach Ausstrahlung des Tatorts empört: "Es ist doch bekannt, dass die Missstände in der Pflege im stationären Bereich eher noch gravierender sind als bei der Betreuung durch Angehörige zu Hause. Wie kann es dann sein, dass das Heim in 90 Minuten mehrmals als Lösung empfohlen wird?" Für Sigrid Arnade sind diese "Ausrutscher" auch deshalb völlig unverständlich, da die Probleme der ambulanten Pflege ihrer Meinung nach gut recherchiert und dargestellt wurden. Für die pflegenden Angehörigen würde die Heimalternative sicher eine Entlastung darstellen, für die pflegebedürftigen Menschen würde laut Arnade unter Umständen die Hölle beginnen.

In dem Tatort ging es auch um Korruption, in die ein ambulanter Pflegedienst, ein Arzt des Medizinischen Dienstes der Krankenkassen und ein Angehöriger verwickelt waren. "Da fragt man sich doch, ob nicht der ganze Tatort von interessierter Seite gekauft war", gibt die Geschäftsführerin zu Bedenken. Dem aufgezeigten Strauß von Problemen stünden eine ganze Reihe von Verbesserungsvorschlägen der fachkundigen Verbände gegenüber. "Der Verweis auf ein Pflegeheim gehört sicherlich nicht dazu", so Sigrid Arnade.

Die Interessenvertretung Selbstbestimmt Leben in Deutschland (ISL) ist eine menschenrechtsorientierte Selbstvertretungsorganisation und die Dachorganisation der Zentren für Selbstbestimmtes Leben behinderter Menschen. Die Zentren für selbstbestimmtes Leben behinderter Menschen und die ISL kämpfen seit über 25 Jahren für die Selbstbestimmung behinderter Menschen und damit auch für Persönliche Assistenz und die Abkehr vom herkömmlichen Betreuungsverständnis und dem davon geprägten Pflegemodell.

Lesermeinungen zu “Tatort von Heimbetreibern gesponsert?” (10)

Von Dr. Theben

Sehr geehrte @Dagmar B.

es war mitnichten meine Absicht, Sie hier zu kritisieren. Ich freue mich nur über das gleichwohl kritische Engagement der Geschäftsfürerin von ISL e.V.

Immerhin wurde Sigrid Arnade Anfang der neunziger Jahre von Teilen der Behindertenbewegung ( auch von mir!) noch für journalistisches Wirkenfür die damals noch so firmierende AKTION SORGENKIND/AKTION240 kritisiert http://archiv-behindertenbewegung.org/ifile/randschau/randschau_1992_09_05_00.pdf S. 14 und S.15
Insoweit fand ich auch Ihren Hinweis auf die vermeintlich zu unkritische Haltung zu den Beiträgen der Aktion Mensch hier in diesem Kontext interessant.

Freue mich auf weitere Beiträge von Ihnen und wünsche eine angenehme Woche.

Herzlichst
Dr. Theben

Von Dagmar B

@ Dr. Theben

Ich verbiete der ISL jedenfalls keine provokanten Thesen , finde die These lediglich abwegig und habe begründet warum. Das ist ja nun mal üblich in einer Diskussion , das es verschiedene Meinungen gibt.
Meiner Ansicht nach wurde in dem Tatort nicht darauf hingewirkt , Heime besser dar zu stellen oder als Ausweg aus der schlechten ambulanten Versorgung.
Die Schwerpunkte lagen für mich bei :
Armut durch Pflege
( dadurch möglich)Ausnutzung und Ausbeutung durch den Pflegedienst
Unterversorgung durch Antragabweisung
Korruption durch Vermittlung und Wegsehen für Geld
Fachfremde Versorgung durch unausgebildetes Personal.
Nun gibt es ja wirklich die von der Helferlobby gesponserten Formate, die in jedem Aktion Mensch Filmchen zu betrachten sind , hier wäre meiner Ansicht nach die Kritik besser aufgehoben.

Von rgr

... mehr vom System

Der Tatort gründet nicht auf fiktiven Verbrechen. Korruption und Betrug sind weit verbreitet. Trotzdem verschleiert der Tatort die Verhältnisse, die der katastrophalen Lage in der Pflege zu Grunde liegen. Die kriminelle Energie ist zumeist nicht als solche zu erkennen und bleibt unentdeckt oder wird als besonderer Einsatz für die Firma gewürdigt.

Cash ist für Kriminelle ein Problem. Cash muss gewaschen werden. Wer warten kann und nicht auf Cash besteht, dem winkt nach erfolgreicher Vetternwirtschaft und Durchstecherei ein Aufstieg, oder der Wechsel in eine bessere Position in einem anderen Unternehmen.

Wie Dagmar B auch bereits bemerkt hatte, finden die ganzen Verschleierungen der Missstände unter den Augen von Managern, Verwaltungsangestellten, Ärzten, Pflegefachkräften und Hilfspflegern statt. Nach Ableistung der Visitation geht auch immer ein Ruf der Entwarnung über die Flure. Und niemand nimmt Anstoß daran. Die Aufsicht, das ist die vorherrschende Meinung, sind die, die die zeitraubende Bürokratie erzeugen. Und damit sind sie dysfunktionale Störer des Betriebsfriedens.

Einen solchen Beschiss und Selbstbeschiss kann aber nur mit Doofen zelebriert werden. Leute mit Arsch in der Hose werden in Pflegeeinrichtungen und -diensten nicht alt. Wenn wir da was grundlegend ändern wollen, dann müssen wir die Hälfte der Belegschaften entlassen und durch neue zuverlässige und couragierte Mitarbeiter ersetzen. Keine schöne Aussicht bei dem Mangel an Pflegekräften.

Von Dr. Theben

Ich dachte alle Tatorte wären vom Gebührenzahler gesponsert...aber im Ernst: Wenn es dem gerade frisch vereidigten Bundesgesundheitsminister erlaubt ist, Hartz IV-Empfänger (schon die Bezeichnung ist ja stigmatisierend!) als nicht Arm zu bezeichnren, dann muss es ISL e.V. erstrecht erlaubt, mit einer zugegebenermaßen auch provokanten These, die Disskussion zum Pflegenotstand weiter zu beleben!

Grüße

DR. Theben

Von rgr

Das hat System.

Laut Drehbuch soll der Gutachter gegen Zahlungen auch Kontrollen und Besuche der Heimaufsicht verraten haben. Dieser Punkt ist aber reine Phantasie der Krimi-Autoren. Wer dort arbeitet, weiß aus Erfahrung, das Besuche in aller Regel angekündigt werden. Der Aufmerksamkeit der Beschäftigten dürfte dabei nicht entgehen, dass auf solche Termine auch hingearbeitet wird. Zur Not werden dafür auch Überstunden geschoben und es werden Verhaltensregeln und Mahnungen seitens der Heimleitung an die Mitarbeiter herausgegeben.

Von Sven Drebes

Mal abgesehen davon, dass kein rechtschaffender Pflegedienst mit völlig überlasteten Pfleger*innen vorkam, hat der Tatort die Situation in der Pflege ziemlich realitätsnah wiedergegeben. Ich habe selbst erst vor kurzem in meiner Familie erlebt, dass stark dementen Menschen nur die Alternative "Angehörigenpflege oder Heim" bleibt, da die klassischen ambulanten Angebote nicht ausreichen und das Modell der Persönlichen Assistenz noch nicht an deren Situation angepasst ist.

Zum Thema Pflegeheim gab es übrigens letztes Jahr den ähnlich bedrückenden "Polizeiruf 110: Nachtschicht".

Von rgr

Fortsetzung der Inhaltsangabe zum Tatort aus Bremen 'Im toten Winkel'

Es wird zum Finale kompliziert. Der Pflegegutachter wird Opfer eines Gewaltverbrechens und wird tot aufgefunden. Die Ermittlungen zur Pflegesituation werden doch fortgesetzt und es ergibt sich ein Abrechnungsbetrug des Pflegedienstes. Der Pflegegutachter ließ sich für Gefälligkeiten bezahlen und erpresste Schutzgeld vom Pflegedienst. Die Zahl der Verdächtigen nimmt zu, ohne das Klärung in Sicht kommt. Am Ende verhindert die Beamtin den Selbstmord des Sohnen von Herrn Claasen, der den Totschlag am Pflegegutachter noch auf der Stelle gesteht. Unter einem Eingeständnis der Einkommensarmut wurde der Sohn vermutlich in einen Abrechnungsbetrug verwickelt oder erhielt Kenntnis davon. Der Sohn habe daraufhin den Verlust seiner Eltern gesühnt.

Nun ja. Ich hoffe, das im richtigen Leben der Pflegesituation mehr Beachtung geschenkt wird. Oder wie ein Kriminalist mal gesagt hatte: Wenn auf jedem Grab eines Getöteten ein Licht brennen würde; es wäre taghell auf dem Friedhof.

Von rgr

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Der Pflegegutachter erkennt in der Szene sofort, dass eine Ausweitung der Ermittlungen auf seine Person droht. Auf die Frage der Beamtin, um was es sich bei dem Streit gerade gehandelt habe, regiert er schnell und entschlossen und antwortet mit gesenkt gequälter Stimme: "Ach, das ist nichts!"

Der Zuschauer wird dann aus dem Krimi entlassen und es scheint, als ob die Pflegesituation nicht mehr in eine kriminalistische Betrachtung der Tatumstände einbezogen wird, wie auch das weitere Schicksal der Notfallpatientin ungewiß bleibt.

Von rgr

Inhaltsangabe zum Tatort aus Bremen 'Im toten Winkel'

Horst Claasen tötet seine demenzkranke Frau und versucht sich dann das Leben zu nehmen. Im weiteren die Bremer Ermittler Inga Lürsen und Stedefreund. Ein Ehepaar mit suspekter häuslicher Pflegekraft. Ein Pflegegutachter.

Eine Kriminalbeamtin ermittelt wegen Körperverletzung mit Todesfolge und raunt zum Entsetzen ihrer Kollegen etwas von sozialverträglichem Frühableben und zieht so neben Todschlag oder Mord ein verbindendes Motiv und damit mögliche Tatbeteiligte in Betracht. Eine weitere Beamtin trägt Umstände und Zeugen des Polizeinotrufes hinzu, die auf eine geplante Tötung und den versuchten Suizid des Täters hinweisen. Der Täter ist der Ehemann des Opfers und zeigt keine Anzeichen, die Tat zu leugnen oder etwas zu verbergen. Noch in der Klinik unternimmt er einen zweiten Suizidversuch und stirbt in den Armen der Beamtin und des Personals.

Ein Pflegegutachter konnte vermutlich kurz nach dem Tatzeitpunkt keinen Einlaß in die Wohnung des Ehepaares finden und wird nun als Zeuge von der Polizei zur Vernehmung gebeten. Der Mann hat einen engen Terminplan. Seine Begutachtungsbesuche zieht er wortkarg, ohne Regungen durch. Auf Bitten von Führsprachen bei der Kasse reagiert er abweisend. Der Zufall will es, dass die Beamten den Gutachter auf der Einfahrt einer Notaufnahme abpassen können. Eine Patientin mit Sauerstoffmangel wird gerade eingeliefert, welcher auf Fehlbedienung durch ungeschultes Pflegepersonal zurückgeführt werden kann. Beamte, der immer eilige Pflegegutachter und der empörte Ehemann treffen in dieser Schlüsselszene aufeinander. Der Pflegegutachter stattete dem Ehepaar kurz vor Zwischenfall mit der Beatmung einen Besuch ab, bei welchem der Pflegegutachter auf kritische Beobachtungen durch den Ehemann hingewiesen wurde.

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Von Dagmar B

Die Kritik teile ich nicht.
Der später ermordete MDK Mitarbeiter hatte einen Deal mit den Heimen , das er seine Besuche vorher ankündigte , so das bei seiner Anwesenheit keine Mängel offensichtlich werden.

Es ist ja tatsächlich üblich , das Heime zur Begutachtung kurzfristig eine Riesenschauspiel zur Verschleierung aufführen , insoweit wurde , zwar nur am Rande , durchaus auch erwähnt , das es in den Heimen nicht besser ist. Auch in dem Dialog mit dem Ehemann der intensivpflegebedürftigen Frau wurde das deutlich .
Schön wäre eine Fortsetzung des Tatorts in Verwahrlosungsanstalten , denn ganz offensichtlich brauchen wir das Tatort Format , damit die Zustände , die in diesem Land herrschen , mal angesprochen werden.
Die Idee , der Tatort wäre von der Heimlobby gesponsert , ist meiner Ansicht nach aber völlig abwegig.

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