Streitschrift Inklusion

Veröffentlicht am von Franz Schmahl

Streitschrift Inklusion
Streitschrift Inklusion
Bild: Debus Pädagogik

Frankfurt am Main/Köln (kobinet) In ihrer Streitschrift Inklusion beschreibt die Bildungsjournalistin Brigitte Schumann, was Sonderpädagogik und Bildungspolitik verschweigen. Eine Allianz aus Bildungspolitik und Sonderpädagogik verfälscht und diskreditiert das Menschenrecht auf inklusive Bildung, so die Ankündigung des Verlages. Sie blockiere damit die Entwicklung zu einem gerechten Bildungssystem ohne Auslese und Aussonderung und zu einer inklusiven Gesellschaft. Eva-Maria Thoms vom Kölner mittendrin-Verein hat das 112 Seiten starke Buch besprochen.

"Die Debatte um die Inklusion in den Schulen ist geprägt von einer beschämenden Oberflächlichkeit. Wer dem Tenor der Berichterstattung glaubt, gewinnt zum Beispiel den Eindruck, in Deutschland seien flächendeckend Sonderschulen geschlossen und deren Schüler auf die allgemeinen Schulen verteilt worden. Dort, scheint es, verursachten sie so große Probleme, dass es bereits die Leistungsstatistiken der Schulen drücke", schreibt sie in einer ausführlichen Rezension. "Dass an diesem Bild etwas nicht stimmen kann, erfährt nur, wer tiefer taucht und Fragen stellt. Das tut Brigitte Schumann ..."

Reihe Debus Pädagogik
ISBN: 978-3-95414-106-7 (Print) / 978-3-95414-107-4 (PDF)


Lesermeinungen zu “Streitschrift Inklusion” (9)

Von Annika

Ich habe die "Streitschrift" heute erhalten und kann kaum aufhören, darin zu lesen. Besonders die Verstrickung von "Hilfsschullehrern" und NS-System ist schwer verdaulich. Es wird gezeigt, wie Behinderung zum Wohle der eigenen Berufssparte konstruiert wird. Die vermeintliche Unverzichtbarkeit der Sonderpädagogen für die Inklusion an Regelschulen, da nur diese wissen, wie man mit "behinderten" Schülern umgeht - es gibt also zwei Arten von Pädagogik - und die gleichzeitige Übertragung der Inklusionsverantwortung an diese, birgt schon die Gefahr des Scheiterns.
Im Falle unserer Kinder sind sie die "Entscheider" über die Zukunft.
Ich glaube, sie werden auch besser bezahlt als "normale" Lehrer...
Wer so viel Macht hat, will natürlich nichts davon hergeben und arbeitet gegen echte Inklusion.

Von Heidi

Ich wäre beinahe auf eine Sonderschule gekommen. Dem sturen Wesen meines Vaters verdanke ich, dass ich zunächst auf eine Hauptschule kam. Von dort ging es 1 Jahr später zur Realschule. Nach zwei Ausbildungen, die mir mißfielen brach ich ab und begang mein Abitur an einer Abendschule. Ich wechselte 1 Jahr später an ein Tageskolleg, dass eine höhere Qualität hinsichtlich der Wissensbildung hatte. Mit meinem Abitur bewarb ich mich für einen Studienplatz. Heute bin ich diplomierte Akademikern.
Es war ein harter Weg, denn ich musste immer gegen das Fehlurteil von Lehrern und Dozenten ankämpfen, dass ich geistig zurückgeblieben oder faul sei.
Ausserdem kam ich aus einfachen Verhältnissen und hatte wenig Geld. Das Studium hat länger gedauert und manche meiner Leistungen waren im Ergebnis schlechter als wie ich das eigentlich gekonnt hätte, da ich nebenher arbeiten musste.

Ich hatte Glück, doch viele haben es nicht. Menschenwürde hinsichtlich des Rechtes auf zugangsfreie, selbstbestimmte und gleichberechtigte Bildung darf keine Frage des Glücks sein!

Staat und Gesellschaft sind an dieser Stelle zu fordern, sich zum Besseren zu wandeln.

Wir Betroffene sind es, an denen es liegt, diesen Stein zum Wandel in's Rollen zu bringen.

Denn... Diskriminierung beginnt ja bereits an der Kasse, wenn ich behinderungsbedingt das Geld nicht selbst abzählen kann und dafür wiederholt von anderen erwachsenen Menschen ausgelacht werde.
Seitdem ich seit einigen Jahren krankheitsbedingt unter kognitiven Einschränkungen leide, ist mir noch mal mehr bewusst geworden wie offen oder subtil diskriminierend, respektlos und rücksichtslos mit Mitmenschen umgegangen wird, die als scheinbar weniger intelligent als andere erscheinen.

Somit ist Jede und Jeder gefordert sich zu wandeln und seinen Mitmenschen respektvoll zu behandeln.



Von kirsti

@ Annika
Stimmt alles, was du sagst, dabei müsste die Unterstützung und das Verständnis für uns eigentlich von der „normalen“ Gesellschaft ausgehen.- So stehen wir anscheinend isoliert in der Ecke und verstehen und missverstehen uns noch untereinander.- Ich habe früher viele Erfahrungen dahingehend erlebt, dass Eltern behinderter Kinder „ihre“ Kinder – auch schon im frühesten Kleinkindalter untereinander vergleichen, in der Art, „mein Kind ist besser als deins“- oder genau umgekehrt „mein Kind ist behinderter als deins, dir geht’s ja viel besser…“. Also der Konkurrenzkampf – je nach Richtung und Sichtweise findet ebenfalls auf vielen Ebenen statt. - Zu meiner Zeit, als „Inklusion“ noch „Integration“ hieß, wurde mir – von Eltern anderer behinderter Kinder - vorgeworfen, ich würde, da ich Integration für meine Tochter wünschte, die „Behinderung nicht akzeptieren“. Es gebe so viel, was man als Eltern und/oder als Behinderte zu besprechen hätte, da reicht weder der Platz noch die Zeit.

Von Annika

@rgr
Also ich habe mir das Buch mal bestellt und bin gespannt, dabei interessiere ich mich auch dafür, wie sich das historisch entwickelt hat. Dein Satz "für Enttäuschung ist kein Platz..." hat mir gefallen, ich bin auch nicht wirklich jetzt enttäuscht. Enttäuscht wurde ich, als ich mein Kind mit drei Jahren erstmals in "professionelle" Hände gab. Bis dahin dachte ich, jetzt wird er mal richtig gefördert. Heute weiß ich, alles was er lernen soll, muss ich ihm beibringen.
Solche Bücher sind eher Wasser auf meine Mühlen und bestätigen, was ich eh schon denke.

@kirsti
Ich möchte dir beipflichten, dass es nicht einfach ist, mit anderen Betroffenen zusammenzukommen- es gibt viele Missverständnisse und man muss sehr sensibel sein, die richtigen Worte finden...Das ist sehr anstrengend...Manchmal geb ich es auf, dann geh ich wieder auf jemand zu und hinterher denke ich, ich habe was falsches gesagt...diese Tage habe ich wieder so eine Erfahrung mit einer "jungen" Mutter gemacht, die noch an das System glaubt- was soll ich da sagen???

Von rgr

@Annika. Ich denke, ich muss fragen. Verstehe ich richtig? Lese ich drei Hilferufe?
"Wir fühlen uns benutzt...Aber für was..."
"Das Schulsystem bleibt eine Enttäuschung..."
"... es macht sich Unwohlsein breit, mich und mein Kind dem auszusetzen. Traurig!"

Ich seh das so:
1.) In Deutschland ist Bildung und alle Fragen drum herum Herrschaftswissen.
Du sollst nicht fragen, wofür Du benutzt und abgerichtet wirst.
2.) Das System folgt seinem Auftrag und sortiert die Kleinen aus.
Für Enttäuschungen ist da im Leben kein Platz. Es muss weiter gehen.
3.) Rassistischer Gewalt ausgesetzt zu sein, sollte mindestens Unwohlsein erzeugen.
Aber demnächst nicht Dir und Deinem Kind. Nicht traurig sein. Vorbereitet sein und bei nächster Gelegenheit noch auf der Stelle stoppen. Öffentlichkeit durch Anheben der Stimme herstellen und die Rassisten in der Ecke parken.

Von kirsti

Die Schilderung von Annika über die schulische Situation ihres Sohnes ist 1:1 auf unsere Gesamtgesellschaft zu übertragen UND auch auf die etablierte Behindertenhilfe. Das ist traurig und wahr zugleich. Aber was gibt es denn anderes als die „etablierte Behindertenhilfe“? Ich kann im Augenblick nichts entdecken. Jeder und jede kämpft irgendwie für sich allein, wenn er oder sie behindert ist. Das ist natürlich nur meine Meinung und entspricht meinen Erfahrungen.

Von Annika

Sagen wir mal so, die "etablierte Behindertenhilfe" findet eher exklusiv (ohne nichtbehinderte) satt.
Wer keinen Einblick hat, denkt dass die "Betroffenen" dort gut aufgehoben sind und bekommt dies auch so von der Einrichtungslobby verkauft.
In Kita und Schule soll jetzt Inklusion gelebt werden und die dort Tätigen sehen sich mit zusätzlichen Anforderungen konfrontiert- leider finden sie Unterstützung von einigen Eltern, die Angst um die bestmögliche Entwicklung ihrer Kleinen bekommen...Für die Eltern, die ihr behindertes Kind dann dort hinbringen bedeutet das einen schweren Stand...
Eine Haltung bei Pädagogen, die Eltern Angst vor behinderten Kindern an ihrer Schule macht, empfinde ich als gemein und es macht sich Unwohlsein breit, mich und mein Kind dem auszusetzen. Traurig!

Von Dirk Hentschel

Ist diese Erkenntnis und das Ergebnis nicht 1 : 1 auf die komplette "etablierte Behindertenhilfe" in Deutschland übertragbar?

Dirk Hentschel

Von Annika

die Realität:
Mein Sohn ist "geistig behindert". Er konnte wählen, ob er eine Sonderschule für geistig Behinderte oder eine Schwerpunktschule besuchen will (wo auch "normale" Schüler unterrichtet werden).
Er besucht nun in der siebten Klasse einer Schwerpunktschule (Realschule plus).
Diese ist genauseoweit entfernt wie die Sonderschule (15 km).
Er wird die ganze Zeit von einem guten Integrationshelfer begleitet, der auch die Fahrt übernimmt. Die Kosten trägt die
Eingliederungshilfe.
Die Lehrer haben so gut wie keine Arbeit mit ihm und er ist durch seinen Helfer gut integriert.
Ab und zu erhält er durch Förderlehrer Arbeitsblätter o.ä., die er mit seinem Helfer erarbeitet.
Einzelförderung durch einen Lehrer o.ä. hat er nicht.
Also wer hat hier Stress???
Wir fühlen uns benutzt...Aber für was...
Klar, dass Nichtbetroffenen etwas vorgegaukelt wird, um diese in die gewünschte Richtung zu manipulieren.
Diese können nicht wissen, wie es hinter den Kulissen tatschlich aussieht.
Das Schulsystem bleibt eine Enttäuschung...

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