Wir sind die Anderen

Veröffentlicht am von Harald Reutershahn

Harald Reutershahn
Harald Reutershahn
Bild: Andreas Kliem

Worum geht es? Stichworte für eine Skizze des Grotesken, wo eine inklusive Gesellschaft in weiter Ferne ist. Noch nicht einmal der Weg zu einem gesellschaftlichen Umbau wurde eingeschlagen sondern schlägt durch absurde Lippenbekenntnisse um ins Gegenteil, wo die Diskriminierung etikettiert wird mit leeren Teilhabefloskeln. Mit den billigsten politischen Hütchenspielertricks lässt man die Erbsen unter Nussschalen verschwinden bis anscheinend die Ziellosigkeit zum Ziel erklärt werden kann.

Wenn sich eine Gesellschaft nicht weiterentwickelt, dann treibt sie antriebslos in einem großen, grundlosen Ozean zwischen den Horizonten, getrieben allein von einem Hin- und Hergeworfensein wechselnder Strömungen und bewegt sich in den Wellen, die lediglich ein Auf und ein Ab noch erkennen lassen, als ob im Stillstand eine Bewegung sei. Jedes Woher und Wohin scheitert an der Orientierungslosigkeit, die Bewegung vortäuscht, und doch nur das Getriebensein selbst ist, als der Versuch, in der Haltlosigkeit Halt zu finden. Man könnte sich in einer solchen Weltverkleinerungs-Zwangsvorstellung fühlen wie in einem Roman von Friedrich Dürrenmatt.

Auf den Standort kommt es an, der in dieser Lage voreilig als Standpunkt wahrgenommen werden kann.

In einer solchen Reisegesellschaft könnte man leicht meinen, wir seien alle Gleiche unter Gleichen. Doch das täuscht. Denn auch in einer solchen Gesellschaft gibt es Unterschiede. Und zwar nicht nur iinnerhalb derer, die sich anpassen an die bestehenden Verhältnisse, sondern auch zwischen denen, die von den Verhältnissen selbst bevorzugt und denen, die von den Verhältnissen selbst benachteiligt werden. Wie alle Verhältnisse, so werden auch diese Verhältnisse bestimmt von jenen, die vor uns anderen durch diese Verhältnisse Privilegien bzw. Vorzüge haben.

Machen wir es konkret, um jeder Missdeutung eines zynischen Fatalismus vorzubeugen: Als Menschen, die behindert werden wegen unserer Besonderheiten, sind wir mit unseren Besonderheiten die Ungleichen.

Das sind "wir": Alle, die anders sind als die Normalität, die Normalfälle verzeichnet, alle, die sich nicht maskieren hinter einer angepassten Fassade, eine Konformität und Servilität (Unterwürfigkeit) gegenüber den bestehenden Verhältnissen.

Die Lebensweise der anderen Anderen ist anders.
Die Denkweise der anderen Anderen ist deshalb ebenfalls anders.

Erkennbar ist das an der Sprache (olle Kamellen, dauergelutscht in der Mundart der Parallelgesellschaft):

"An den Rollsuhl gefesselt". So leben Fußgänger ihre Bondage-Phantasien aus.
"Mit Blindheit geschlagen". Sagen Leute, die nur glauben, was sie zu sehen glauben. (Thomas Mann schrieb einmal, um sehen zu können, müsse man zuvor die Augen mit Dunkelheit waschen.)
"Taubstumm". Das ist die Sprachlosigkeit derer, die den Sternenhimmel nicht hören können.
"Geistig behindert". Sagen Kleingeister, denen das Rückenmark zum Denken völlig reicht.
"Du bist doch nicht normal". Zum Glück!

"Ich bin behindert, aber man sieht es mir nicht an." Dann sag mir, wer die Behinderer sind, damit sie nicht unsichtbar bleiben.

Kann man von Leuten, die auf der falschen Seite stehen, etwas Richtiges erwarten? Wer gehört zur falschen Seite? Alle, die nicht anders sind, weil sie es nicht für normal halten, dass wir Menschen verschieden sind.

Daraus konstituiert sich eine Herrschaftspraxis derer, die sich für normal halten. Und die Herrschaftspraxis kann nur durchgesetzt werden durch die Installation von Herrschaftsinstrumenten, wie Sozialämter, Pflegekassen, Baurichtlinien, Politikstrukturen, Behörden, Justiz etc. und Gesetzen, mit denen die Herrschaftspraxis tagtäglich vollstreckt wird. Wer das ändern will, der muss dazu bereit sein, die Herrschaftspraxis mitsamt den Herrschaftsinstrumenten abzuschaffen und die Herrschaftsverhältnisse vom Kopf auf die Füße zu stellen!

Wenn wir aber die Anderen sind, sind wir dann auch anders?

Leider sind wir das nicht. Noch nicht. Denn viel zu sehr sind wir darauf konditioniert zu bitten und zu betteln und uns mitleidig über den Kopf streicheln zu lassen. Am Ende können wir nur dann Gleiche unter Gleichen sein, wenn die Verhältnisse der Ungleichheit abgeschafft sind.

Eine inklusive Gesellschaft ist - ohne wenn und aber - die radikale (Wikipedia: "Das Adjektiv 'radikal' ist vom lateinischen radix (Wurzel) abgeleitet und beschreibt das Bestreben, gesellschaftliche und politische Probleme 'an der Wurzel' anzugreifen und von dort aus möglichst umfassend, vollständig und nachhaltig zu lösen.") Es geht um die vollständige Abschaffung jeder Form von Segregation (Ausgrenzung). Beispiel: Es ist Quatsch, mehr barrierefreie Wohnungen zu fordern! Inklusion wäre, statt mehr konsequent nur noch barrierefreie (und bezahlbare) Wohnungen für alle Menschen zu schaffen. Das geht aber nicht? Wieso nicht? Wer braucht denn Wohnungen mit Barrieren? Wer braucht überhaupt Barrieren und wo und wofür? In einer inklusiven Gesellschaft kann es nur Barrieren geben für Aussonderung und Benachteiligung.

"Ich weiß nicht, ob es besser wird, wenn es anders wird. Aber es muss anders werden, wenn es besser werden soll", schrieb Georg Christoph Lichtenberg. Wenn es nicht anders wird, dann wird nichts besser, und wir bleiben ewig die Anderen. Also: Mut zur Veränderung! "Wir müssen der Wandel sein, den wir in der Welt zu sehen wünschen" (Mahatma Gandhi).

Eine gesellschaftliche Ordnung umfassender sozialer Gleichstellung ist die Voraussetzung für Demokratie.

Das menschliche Leben ist nicht unendlich, aber unendlich ist die Vielfalt des menschlichen Lebens (unendliche Mannigfaltigkeit in unendlicher Kombination).

 

Lesermeinungen zu “Wir sind die Anderen” (3)

Von rgr

@Gisela Maubach: '... das darf man nicht mehr sagen'

Die WfbMs: Nach außen sind sie ganz hegemonial in ihrer Haltung. So probat ihre handwerkelnde und tradierte Praxis der Herrschaft des Menschen über den Menschen. Ihre Sprachsystematik ist eine die Praxis bekräftigende Ideologie der Ausbeutung. Als Ideologie ist sie aber auch ein Jargon. Und als ein solcher war sie für Gisela Maubach in der oben beschriebenen Veranstaltung unmittelbar als Ausgrenzung spürbar. Das scheint mir eine authentische Beobachtung zu sein.

Ein was?
"Der Jargon ist als Umgangssprache eine Sondersprache (Soziolekt), die der (häufig vereinfachten) Kommunikation innerhalb der Anwendergruppe sowie der Abgrenzung nach außen und somit der Identitätsbildung dienen kann. Als Berufs- und Spezialistensprache wird sie auch Fachjargon genannt."

Von Gisela Maubach

Zitat aus dem Beitrag:

""Geistig behindert". Sagen Kleingeister, denen das Rückenmark zum Denken völlig reicht."

Zitat-Ende

Dann oute ich mich hiermit als Kleingeist, dem das Rückenmark zum Denken völlig reicht.

Mein Rückenmark sagt mir nämlich, dass meinem geistig schwerstbehinderten Sohn und mir das Leben genau deshalb zur Hölle gemacht wird, weil für diesen Personenkreis nur noch Symbolpolitik betrieben wird.

Bis heute wird das Extrem-Pooling dieses Personenkreises nicht thematisiert, aber Hauptsache die Fassade stimmt . . . geistig behindert darf man nicht mehr sagen . . . das Wort Windeln darf man nicht mehr sagen, denn die heißen jetzt "Schutzhosen" . . . und auch Heimbewohner darf man nicht mehr sagen, weil die jetzt "Wohnkunden" genannt werden . . . von der ständigen Forderung nach dem politischen Wahlrecht ganz zu schweigen.

Diese Fassaden-Herrschaftspraxis gehört tatsächlich abgeschafft, um nicht nur über's Rückenmark denken zu müssen!

Von kirsti

Dann seien wir doch endlich radikal: Im Denken, Handeln und Streiten; nicht nur für uns, sondern auch für andere! Denn „das menschliche Leben ist nicht unendlich“, danke Herr Reutershahn; und ich füge hinzu: Auch unsere Zeit ist nicht unendlich.

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