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„Behindert und was man dagegen tun kann.“

Für Rollstuhlfahrer nicht geeignet
Schild über einem öffentlichen Abfalleimer
Foto: Stephan Laux

Villmar - Weyer (Kobinet) So könnte ein Ratgeber heißen, den man bei Amazon bestellt. Oder ein Artikel in der Apotheken Rundschau.

In seiner neuen Kolumne fragt sich Stephan Laux, mit welcher Haltung Gesellschaft, Politik, Behörden und Einrichtungen, Beeinträchtigung und beeinträchtigten Menschen manchmal begegnen.

*Warnhinweis: Wenn Sie Interesse an dieser Kolumne haben und in einer bayrischen oder hessischen Behörde arbeiten, vergewissern Sie sich vorher, ob Sie diesen Text, dienstrechtlich überhaupt lesen dürfen! HIER WIRD GEGENDERT!

Ein lieber Bekannter, ein schlauer und weiser Mann, der vor Jahren erblindet ist, erzählte mir einmal, aus seiner höchst interessanten Biografie, dass ihm, als er schließlich völlig erblindete, von Amts wegen empfohlen wurde, die Braille Schrift zu erlernen, um sich dann einem Beruf in der Verwaltung oder einem Büro zu widmen.

Auf die Frage an Google, was Blinde beruflich tun können, findet man unter gutefrage.net, den Rat einer Expertin: „Vieles ist also möglich – egal ob nun Pforte, Büro, Kundenservice, IT, Physiotherapie, Musik- und Audioproduktion, Metallberufe, Hauswirtschaft, Schauspiel oder Musik (Ray Charles, Stevie Wonder, Andrea Bocelli und Joana Zimmer sind zum Beispiel alle blind). Auch José Feliciano, der Komponist von „Feliz Navidad“ ist blind.“ Mein Bekannter hat dann Soziologie studiert. Gegen besseren Rat vom Amt, quasi.

(Meine Oma mütterlicherseits war ein Fan von José Feliciano und befand, dass „Er wirklich schön singe! Obwohl er blind sei!?“)

Gerade arbeite ich ja an einer Reportagereihe, „Methoden und Konzepte in der Behindertenhilfe“. Mein Anliegen ist es u.a., Betroffene, wie z.B. Eltern dazu zu ermutigen, bei Wahl einer Einrichtung nicht nur auf die Wohnlichkeit der Unterbringung, die landschaftliche Umgebung und die therapeutischen Inhalte zu achten, die auf Hochglanzprospekten angepriesen werden. Man sollte auch darauf bestehen, Haltungen von Einrichtungen zu erfragen. Die ergeben sich aus ebendiesen Konzepten und Methoden. Die Frage nach dem „Betriebsklima“ in einer Einrichtung ist, meiner Meinung nach, mindestens so relevant wie die nach der Größe und Ausstattung des Einzelzimmers. Auf den Fachtagen, auf die ich mich bisher eingeladen habe, konnte ich beruhigt feststellen, dass aktuell noch nicht eine Haltung vorherrscht: „Behindert und was man dagegen tun kann.“ Sondert vielmehr die: „Behindert! Was können wir für Sie tun?“.

Allerdings habe ich die Befürchtung, dass sich gesellschaftlich, politisch und in der behördlichen Praxis gerade ein Trend durchsetzt, der beeinträchtigte Menschen und andere Randgruppen „irgendwie wieder hinkriegen will“.

„Sie sind behindert, geflohen oder sonst irgendwie schlecht inkludiert (oder schwer zu inkludieren)?“; „Hier haben Sie einen Ausweis (eine Bezahlkarte) sehen Sie mal, wie weit Sie damit kommen!“ Natürlich gibt es auch eine Beratungsstelle für Sie! Lauter, nette und kompetente Leute. Aber die sind leider total überlastet, schlecht ausgestattet und leiden unter dem Fachkräftemangel. Einen Termin zu bekommen, dauert. Ob die Beratungsstelle bis dann noch finanziert wird, können wir Ihnen leider auch nicht sagen. Ergreifen Sie selbst die Initiative! Versuchen Sie erst einmal mit dem Ausweis. Sie bekommen im Zoo zwei Euro Ermäßigung. Oder fragen sie mal eine Ehrenamtler*in.*

Verstehen Sie mich bitte nicht falsch! Ich schätze jedes ehrenamtliche Engagement und versuche mich selbst auch darin. Die Umsetzung der UN BRK habe ich aber als gesetzliche Verpflichtung u.a. öffentlicher Dienste, Behörden und Kommunen verstanden. Da kann man sich, auf Dauer nicht auf das Ehrenamt verlassen.

Wahrscheinlich habe ich diese Konvention falsch verstanden. Naiv, wie ich bin, hatte ich einen gesellschaftlichen Haltungswechsel damit verbunden oder erhofft, der sich in einigen Methoden und Konzepten der Behindertenhilfe schon angedeutet hat: Weg von der Defizitorientierung! Weg vom Glauben an ewiges Wachstum! Weg von dem Gedanken man müsse alles, Jede und Jeden* optimieren.

Nehmen Sie z. B. meine Kolumnen. Manchmal zwinge ich Freunde und Verwandte, sie zu lesen. Um irgendwie ein Feedback (möglichst ein positives, denn mit Kritik kann ich ganz schlecht umgehen) zu bekommen. Ein nicht unbeträchtlicher Teil der dazu Gezwungenen, rät mir dann, meine Kommasetzung und Rechtschreibung zu optimieren (ohne weiter auf den Inhalt der Kolumne einzugehen). Man empfahl mir sogar eine künstliche Intelligenz dafür zu benutzen (weil meine natürliche Intelligenz anscheinend nicht ausreicht, dieses Defizit [ich bin Nichtakademiker] auszugleichen).

Meine Bekannte Monika ist auf einen Rollstuhl angewiesen. In einer öffentlichen Sitzung sagte sie einmal, in ihrer, herrlich undiplomatischen Art: „Meine Beeinträchtigung ist offensichtlich! Sie lässt sich nicht wegdiskutieren. Meine Argumente für Barrierefreiheit befinden sich direkt unter meinem Allerwertesten. Ich befürchte, dass kommunale Behindertenpolitik irgendwann durch eine App ersetzt wird, die nicht dafür sorgt, dass Bordsteine abgesenkt werden, sondern mich zu einem abgesenkten Bordstein navigiert, der einen Umweg von 3 Kilometern mit sich bringt.“

In den neuen Bedarfsermittlungsinstrumenten der Kostenträger werden ja sogenannte Barrieren erfragt, die Betroffene daran hindern am gesellschaftlichen Leben teilzuhaben. Aber ist es nicht vielmehr so, dass Menschen mit Beeinträchtigungen selbst, bzw. der Sozialstaat an sich, als Barrieren für wirtschaftliches Wachstum und neoliberale Marktradikalität gesehen werden? Gerade wird in der Politik wieder über die Konsolidierung des Staatshaushaltes gestritten. Jedes Ministerium müsse mit Einsparungen leben, sagt der Finanzminister. Landwirte und die Bundeswehr sind schon mal draußen! Der Rentenexperte Raffelhüschen, rät stattdessen zu einer Nullrunde bei der Rente. (mein Vorschlag, war übrigens, Pensionen und Renten über 5000 €, ein paar Jahre einzufrieren). Raffelhüschen meint auch: „Zuwanderung ist sauteuer. Wir haben nicht die richtige Zuwanderung. Unqualifizierte oder alte Menschen sind eine Zuwanderung in die bereits durch uns Einheimische schon überforderten Sozialsysteme.“ Mal sehen, wen’s am Ende trifft?

Mich würde interessieren, was die Künstliche Intelligenz dazu sagt?

Stephan Laux März 24