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„Wolle mer se eroylasse?“

Der Autor Stephan Laux, als fünfjähriger Junge in einem weißen Kätzchenkostüm, vor einem Hauseingang
Der Autor Stephan Laux, als fünfjähriger Junge in einem weißen Kätzchenkostüm, vor einem Hauseingang
Foto: Stephan Laux

Villmar - Weyer (kobinet) (wollen wir sie reinlassen)

eine Kolumne über die Teilhabeverweigerung

oder eine Büttenrede die nicht lustig ist

Im Gegensatz zu vielen meiner Freunde, Verwandten und Bekannten habe ich ein äußerst zwiespältiges Verhältnis zur Fastnacht (oder zum Karneval, wie man in Köln wohl sagt). Das kann u.a. damit zusammenhängen, dass mir, in meiner Kindheit die „kulturelle Aneignung“ strikt untersagt wurde. Nicht der „kulturellen Aneignung“ wegen, sondern weil mein Vater ein strenger Pazifist war und uns Kindern jegliche Art von Bewaffnung (und sei es auch nur mit Schreckschussmunition) untersagte. So bestand eine meiner frühkindlichen Erinnerungen darin, dass man mich, Anfang Februar, in weiße Strumpfhosen und Gummistiefel steckte, mir Schnurrhaare in mein Gesicht malte und Plüschohren aufsetzte, während meine Jahrgangskollegen fast ausnahmslos, zumindest mit Pfeil und Bogen, im Idealfall sogar mit einem Revolver und ein Winchester ausgestattet waren.

Tusch: Töff…Täää!

Später, als ich dieses Trauma beinahe überwunden hatte, stand mir die Mainzer Fassenacht immer näher als der Kölner Karneval. Das lag wohl daran, dass mir, als Mittelhesse, der Mainzer Dialekt geläufiger erschien als der Kölner. Den hab ich bis heute noch nicht verstanden. Jahrelang BAP Hits mitgegrölt, aber immer nur verstanden, dass irgendwas, verdammt lang her ist. Als mir dann ein kölner Jugendfreund einmal übersetzte, dass ein Karnevalshit davon handelt, dass eine Karawane weiterzieht, weil der Sultan durstig ist, habe ich mich völlig von diesem Brauch, im Land der Dichter und Denker, abgewendet. Und bezeichne mich, seitdem, in dieser Hinsicht gerne als „Teilhabeverweigerer“!

Tusch: Töff…Täää!

Das wurde, in meinem Job als Heilerziehungspfleger, nicht von allen gerne gesehen. In meiner Einrichtung gab es bis in die letzten Jahre, traditionell eine Fastnachtsfeier im großen Festsaal der ehemaligen Psychiatrie. Im althergebrachten, pädagogischen Jargon heißen solche Veranstaltungen: „Feste und Feierlichkeiten im Zyklus der Jahreszeiten“. Natürlich gehörten sie zu den Höhepunkten einer Biografie im Leben einer Person, die ein Großteil ihres Lebens in einer Sondereinrichtung verbracht hat. Weil allzu viel gab es dort nicht zu erleben. Auch deswegen, weil Jahr für Jahr dort die sogenannte Prinzengarde (die, um es anderen Faschingsmuffeln zu erläutern, nicht wie bei einer „weltlichen Garde“ aus bewaffneten Männern, sondern aus knapp berockten, jungen, tanzenden und hüpfenden Mädchen besteht) einer benachbarten Fastnachtshochburg auftrat. Die jungen Frauen hatten zur Fastnachtszeit einen eng getakteten Terminkalender und erklärten sich bereit, 20 Minuten lang, auf der geschmückten Bühne des Festsaales aufzutreten. Einzige Bedingung war, sich vorher und nachher in einem separaten Raum, abseits der eigentlichen Festgesellschaft aufhalten zu dürfen.

Tusch: Töff…Täää!

Also wurden zu diesem Anlass, die Bewohner*innen der Einrichtung, mehr oder weniger originell verkleidet. Mitunter wurde sogar ein Wettbewerb für das beste Kostüm ausgelobt. Ob und wie selbstbestimmt sich diese Verkleidung gestaltete und wie freiwillig die Teilnahme an dieser Veranstaltung war, will ich hier nicht erläutern und auch nicht beurteilen. Denn eigentlich spricht ja nichts dagegen, in einer Einrichtung der Behindertenhilfe ein ausgelassenes Fest, zusammen mit den Begleiter*innen zu feiern. Mir bleibt nur die Hoffnung, dass heutzutage Bewohner*innen an Fastnachtsveranstaltungen in ihrem unmittelbaren und erweiterten Sozialraum teilnehmen. Wenn sie denn wollen. Denn die Ankündigung der Sitzungspräsident*innen, bei Fastnachtsveranstaltungen: „Wolle mer se eroylosse?“, ist ja quasi eine Einladung zur Inklusion!

„Draußen vor der Tür steht seit 2016 die Inklusion! Wolle mer se eroylosse?“.

„Nö! Wir bilden erst einmal einen Arbeitskreis und eine Expertenkommission. Dann erstellen wir einen Entwurf und der muss erst mal diskutiert werden. Na ja! Und wie der dann in den einzelnen Bundesländern umgesetzt wird? Hauptsache es kostet nichts!

Tusch: Töff…Täää!

Die Frage, „ob mer se eroylosse wolle?“ gilt es gesellschaftlich ja nicht nur bei der Inklusion zu stellen. Noch treffender erscheint sie in Bezug auf die Migrationspolitik oder die Rolle der AfD.

Aber das sind andere Themen.

In der Behindertencommunity müssten wir uns u.a. auch fragen, in wie weit wir die Belange der Menschen mit geistigen Beeinträchtigungen vertreten? Das ist ein diffiziler und komplexer Bereich. Weil z.B. Heilerziehungspfleger*innen, wie ich und andere Verantwortliche in Sondereinrichtungen, aus wirtschaftlichem und Zeitdruck dazu neigen für unsere Klient*innen zu entscheiden. Schnell drohen sich Stigmata durchzusetzen, wie: „Menschen mit geistigen Beeinträchtigungen mögen Fasching!“ oder „Menschen mit geistigen Beeinträchtigungen hören gerne Schlagermusik!“

Tusch: Töff…Täää!

Und in wie weit „verordneter Frohsinn“ nicht auch mal ins Gegenteil umschlagen kann (siehe Titelfoto), wirft die Frage auf, ob man Menschen zur Teilhabe zwingen darf? Und ob Inklusion weniger mit „Teilhabe“, als mit „Freiem Willen“ zu tun hat?

Darauf ein „dreifach donnerndes Helau!“

Nahallamarsch!

Stephan Laux Februar 2024

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