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Heute vor 40 Jahren – Proteste für Mobilität in Hamburg

Dr. Martin Theben
Dr. Martin Theben
Foto: privat

Berlin / Hamburg (kobinet) Der Hobby-Chronist der kobinet-nachrichten und Rechtsanwalt Dr. Martin Theben hat mal wieder in den Archiven der Behindertenbewegung gewühlt und Hanseatisches zu Tage gefördert.

Bericht von Dr. Martin Theben

Das Internationale Jahr der Behinderten 1981 war nicht nur durch die spektakulären Protestveranstaltungen in Dortmund und Düsseldorf oder des Krüppeltribunals im Dezember, wieder in Dortmund, gekennzeichnet. Auch auf lokaler Ebene fanden eine ganze Reihe von Besetzungen, Straßenblockaden oder gar Hungerstreiks statt. Wie schon im Februar in Bremen standen dabei immer wieder der nicht barrierefreie Nahverkehr und Einschränkungen bei Fahrdiensten im Mittelpunkt. Letztere boten damals oft die einzige Möglichkeit für Menschen mit Behinderungen, am gesellschaftlichen Leben teilhaben zu können. Über eine wahre Protestwelle in Hamburg berichtet das damalige Mitglied der örtlichen Krüppelgruppe Udo Sierck, einer der weiteren maßgeblichen Protagonisten der Krüppelbewegung, in der Krüppelzeitung 2/81 4-2-1981_(08-01-2020_23-38-29).pdf (archiv-behindertenbewegung.org). Udo Sierck arbeitet vor allem zu den Themen Euthanasie im Dritten Reich, Eugenik, vorgeburtliche Selektion und Aussonderung. Zu seinen bekanntesten Werken zählen "Die Wohltäter-Mafia", "Das Risiko nichtbehinderte Eltern zu bekommen" und "Budenzauber Inklusion".

Jetzt galt es im UNO-Jahr aber keinen Budenzauber, sondern echten Protest in die Hamburger Verkehrs- und Sozialpolitik hineinzutragen. So kam es schon im Frühjahr zu einer ersten Konfrontation mit den Vertretern des damaligen Hamburger SPD-Senats unter Führung des Ersten Bürgermeisters Hans-Ulrich Klose, auf den nach dessen Rücktritt im Mai aus Protest gegen den Bau des Atomkernkraftwerks Brokdorf Klaus von Dohnanyi folgte. In seinem ersten Artikel berichtet Udo Sierck von Straßenblockaden und Bahnhofsbesetzungen und skizziert den rechtlichen Hintergrund des Fahrdienstes:

"Anfang April ein ungewohntes Bild auf Hamburgs Straßen. 5o bis 6o Rollstuhlfahrer formierten sich mit Unterstützern _ zu einem Demonstrationszug, um dem sozialdemokratischen Sozialsenator Ehlers ihre Vorstellungen von einem funktionierenden Fahrdienst vorzulegen. Der Geduldsfaden war den Betroffenen endlich gerissen, denn was dereinst als Modell zur Beförderung 'Schwerstbehinderter' galt, liegt mittlerweile in Trümmern am Boden. Kurz zur Vorgeschichte: Seit 1974 ist laut Bundessozialhilfegesetz (BSHG § 4o) der Staat dazu verpflichtet, dem Krüppel die Teilnahme am gesellschaftlichen Leben zu ermöglichen. Daraufhin beauftragte der Hamburger Senat das Deutsche Rote Kreuz (DRK), einen Spezialbeförderungsdienst für Schwerstbehinderte einzurichten. (…) Seit 1976 besteht der Fahrdienst in allen Hamburger Stadtteilen. Doch bereits 1979 wurde der Senat in einer kleinen Anfrage damit konfrontiert, daß unzumutbare 'Wartezeiten bestünden." Die Arbeits-und Sozialbehörde errechnete damals ein Defizit von 250.OOO DM für allein die laufenden Kosten sowie die notwendige Anschaffung von drei zusätzlichen Spezialfahrzeugen. Bewilligt wurde nichts. (…) Im weiteren Verlauf des Artikels beschreibt Udo Sierck die restriktiven Teilnahmekriterien und das Missverhältnis von Angebot und Nachfrage:

"Erstmal werden die Krüppel aufgeteilt: dem Heiminsassen stehen 4 Einzelfahrten im Monat, dem Krüppel mit einer Privatwohnung 4 Einzelfahrten wöchentlich zu. Diese Differenzierung begründete ein Vertreter der Behörde in einem Gespräch mit Betroffenen so: 'Der Behinderte in der eigenen Wohnung ist viel isolierter als derjenige im Heim, ihm müssen daher mehr Fahrmöglichkeiten zugestanden werden,' Abgesehen von dieser haarsträubenden Umkehrung der Realität konnten diese wenigen Fahrten nie in Anspruch genommen werden. Denn derzeit stehen 6 Spezialfahrzeuge zur Verfügung, 32 Zivildienstleistende fahren in mehreren Schichten. 'Mit den rund 533 000 Mark, die wir in diesem Jahr vom Senat erhalten, können wir nicht mehr bezahlen.' (H,Müller, Geschäftsführer Nord des DRK in Hamburg). Dem steht gegenüber, daß immer mehr Krüppel den Fahrdienst als minimale Gelegenheit benutzen, um aus ihren Vierwänden herauszukommen. Allein im letzten Jahr stiegen die Nachfragen um 30%. Gegenwärtig müssen daher 1100 Rollstuhlfahrer bereits vier bis fünf Wochen auf die angeforderte Fahrt warten.“

Auch der nicht barrierefreie Nahverkehr gab Anlass für öffentlichkeitswirksame Aktionen:

"Wenige Tage später demonstrierten etwa 20 Rollstuhlfahrer gegen die Krüppelfeindlichkeit des KTV. Sie blockierten die Eingänge des U-Bahnhofes Jungfernstieg, bis Passanten sie die vielen Stufen hinabtrugen. Der Bahnhof, neu erbaut, ein Musterbeispiel an Kurzsicht der Planer: der geräumige Fahrstuhl ist nur über Treppen erreichbar, führt dafür aber auch nicht direkt auf den Bahnsteig. Der eher reibungslose Aktionsverlauf (viele nichtbehinderte Fahrgäste griffen sich einen Rollstuhlfahrer, alle gelangten nach einigem Hin und Her in die Bahn) machte dennoch Mut, auch spektakulären Protest zu planen und durchzuführen.“

Aber am 1. Juli 1981 reagierten Politik und Behörden schon etwas rabiater, wieder Udo Sierck:

"Am 1.7. besetzten Krüppel das Hamburger Rathaus. Der aktuelle Grund: Das Inkrafttreten einer Verordung, vorgeschlagen vom Sozialsenator, die unsere Bewegungsfreiheit stark einschränkt und mit diesem Erlass festigt. (…) Nach beinahe zehn Stunden Besetzung veranlasste der Bürgermeister (die Räumung) 'seines' Hauses. Dem Wunsch des psychologisch gut geschulten Einsatzleiters, doch freiwillig zu gehen, kam keiner der anwesenden Krüppel nach. So knackten Feuerwehrleute mit Bolzenschneider die Ketten, mit denen die Rollstuhlfahrer sich verbunden hatten, Zivilfahnder mühten sich sichtbar, die Rollstühle zu bewegen. Vielleicht trug ihre Ungeschicklichkeit mit dazu bei, daß ihre Aktionen spürbar grober wurden (allerdings nicht zu vergleichen mit sonstigen brutalen Räumungspraktiken; die moralische Schranke, Krüppel direkt anzufassen, wurde nur leicht angebrochen). (…) Deutlich wurde in dieser Räumungsaktion für mich, daß der Protest von Krüppeln ein Stück ernster genommen wird als in den Jahren und Monaten davor. Auch uns 'wird nicht mehr alles gewährt, so nach dem Motto: "Laß die mal, es wird sowieso nur ein kurzes, nichts ausrichtende Aufmüpfen sein," Daß dies so ist, ist sicherlich ein Ergebnis der Krüppel-Störaktion gerade in diesem Jahr' (Bremen, Dortmund, Düsseldorf und ...).

Es wird in den folgenden Jahren noch so mancher Protest folgen, um echte und uneingeschränkte Teilhabe einzufordern – bis heute!

Berlin / Hamburg (kobinet) Kategorien Nachricht

Kurzlink des Artikels: https://kbnt.org/sgiko13


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Reigbert (@reigbert)
01.07.2021 19:09

Der Bericht von Dr. Martin Theben über die Ereignisse der "Krüppel"-Bewegung 1981 ist für mich in mehrfacher Hinsicht interessant und erschreckend zugleich. Interessant, weil ich in Hamburg geboren und aufgewachsen bin. 1981 war ich zwanzig Jahre alt und habe in Hamburg mein Abitur bestanden. Damals war ich noch nicht behindert und habe von der "Krüppel"-Bewegung nichts mitbekommen. Die politischen Protagonisten von damals, Klose, Ehlers und von Dohnanyi, sind mir aber aus anderen Gründen in schlechter Erinnerung. Ich habe als Jugendlicher, zusammen mit unserem damaligen Schulsprecher und heutigem Bundesfinanzminister Olf Scholz, gegen ein neues Schulgesetz und gegen Atomkraftwerke protestiert. Auch wir wurden von der Politik und der Polizei nicht gerade mit Samthandschuhen angefasst. Erschreckend finde ich den Bericht von Dr. Theben aber vor allem deshalb, weil sich heute, nach vierzig Jahren, für die Menschen mit Behinderung (zu denen ich seit einigen Jahren auch zähle) so erschreckend wenig geändert hat. Wir sollten im besten Sinne des Wortes wieder radikaler werden - so wie die Krüppel-Bewegung 1981.