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40 Jahre Krüppelschläge

Dr. Martin Theben
Dr. Martin Theben
Foto: privat

Berlin (kobinet) Der Berliner Rechtsanwalt und Teilzeit-Hobby-Historiker Dr. Martin Theben beschäftigt sich seit einigen Jahren mit der Geschichte der Behindertenbewegung und veröffentlicht immer wieder auch Artikel für die kobinet-nachrichten zu diesem Thema. Heute erinnert Martin Theben an den 40sten Jahrestag der Krüppelschläge von Franz Christophs gegen den damaligen Bundespräsidenten Karl Carstens am 18. Juni 1981 auf der Reha-Messe in Düsseldorf.

Bericht von Dr. Martin Theben

Nach den erfolgreichen Protesten und der Bühnenbesetzung anlässlich der Eröffnungsveranstaltung zum Internationalen UNO-Jahr der Behinderten am 24. Januar 1981 in der Dortmunder Westfalenhalle, bei der es den Aktiven der neu erstarkten Krüppelbewegung gelungen war, den Bundespräsidenten an seiner Eröffnungsrede zu hindern und in eine Nebenhalle zu verbannen, traf eine kleine Gruppe Aktiver ein halbes Jahr später erneut auf das bundesdeutsche Staatsoberhaupt. Neben Franz Christoph, der den Bundespräsidenten zunächst verbal und dann mit zwei leichten Krückenschlägen gegen das präsidiale Schienbein attackierte, nahmen an der Aktion u.a. auch Horst Frehe und Lothar Sandfort teil.

Horst Frehe hatte Ende der siebziger Jahre gemeinsam mit Franz Christoph die Bremer Krüppelgruppe gegründet. In dieser Gruppe wurde auch der sog. Krüppelstandpunkt entwickelt. Danach sollten sich Menschen mit Behinderungen zunächst ihrer eigenen Situation bewusst werden und radikalen Widerstand leisten. Anders als die Gruppe um Gusti Steiner, der mit dem Publizisten und Journalisten Ernst Klee in Frankfurt a.M. 1973 einen Volkshochschulkurs zum Thema "Bewältigung der Umwelt“ gegründet hatte, lehnten die Bremer Krüppel eine Zusammenarbeit mit Nichtbehinderten ab. Dieser Konflikt sollte später bei der Organisation und Durchführung des Krüppeltribunals gegen Ende des UNO-Jahres Mitte Dezember 1981 noch einmal deutlich zu tage treten. Bei der Bühnenbesetzung in Dortmund aber waren Franz Christoph, Horst Frehe und Gusti Steiner im politischen Kampf vereint, wenngleich Horst Frehe viele Jahre später in einem Interview die Idee der Bühnenbesetzung für die Bremer Krüppelgruppe reklamierte Zeitzeugen-Video Teil 8: Horst Frehe - YouTube (ab 4:36).

Sprachrohr der Bremer und später auch der Berliner und Hamburger Krüppelgruppen war die KRÜPPELZEITUNG, die von 1979 bis 1985 erschien. In der Ausgabe 2/81 schildert Horst Frehe aus seiner Sicht die Proteste auf der Reha in Düsseldorf, die zunächst ein Fiasko zu werden drohte:

"Dann die Planung, Tausend Unwägbarkeiten. Pannen: ein Teil der versprochenen Karten waren nicht da. Vorher Flugblätter verteilen und erkannt werden oder besser nicht? Viele Fragen blieben offen, die Unsicherheit blieb groß. Am Donnerstag zu spätes Aufstehen. Die Leute kamen nicht in Gange. 'Endlich Abfahrt'. Wir kommen in die Messevorhalle und sehen, daß der Zutritt nur mit Karten möglich ist. 'Fußgänger' schieben uns 'Rollstühlkrüppel', um als 'Betreuer' ohne Karten hinein zu kommen. Sie werden zum Informationsbüro zurückgeschickt. Dadurch sind wir mit drei oder vier Krüppeln drin und wissen nicht, ob die anderen nachkommen. 'Endlich haben auch sie es geschafft,' Wir sitzen zusammen. Unauffällig auffällige Absprachen. Der Zirkus beginnt. Zuerst einige schöne 'Lieder' der Gruppe Reifrock, Dann der Immanuel Chor., der schon bei der Dortmunder Eröffnungsveranstaltung für Trallala sorgen sollte und von uns gehindert wurde. Die Leiterin, die in Dortmund Kinder mißbrauchte, um gegen die Besetzung anzugehen, kommt als erste herein. In mir steigt Wut hoch. Sollen wir jetzt schon eingreifen? Nein die Reden abwarten! Der Chor singt 'Wir brauchen Partnerschaft'! Es ist zum Kotzen. Dann die Rede des Bürgermeisters, Wink von Franz noch zu warten. Ich bin etwas erleichtert, gleichzeitig wächst bei mir die Spannung. Dann beim UNO Beauftragten packe ich kurz entschlossen die Flugblätter aus, nehme das Megaphon und fahre vor. Keiner kommt mit! Warum bleiben die bloß sitzen/stehen, frage ich mich? Ich fordere die Veranstalter auf Schluß zu machen mit diesem zynischen Peierschmuß. Plötzlich fällt mir nicht mehr ein, was ich denen alles an den Kopf werfen wollte. Der UNO Redner ignoriert mich, redet weiter. Die Leute stürzen auf mich zu und verwickeln mich in ein Gespräch. Ich bin der Strategie alleine nicht gewachsen. Die anderen sitzen wie gelähmt da, nur zwei verteilen Flugblätter. Die Stimmung im Saal kocht: 'Raußschmeißen'I 'Kommunisten', 'Ruhe' usw.. Der eine Offizielle lenkt mich ab, der andere reißt mir das Megaphon weg. Pleite! Wut und Trauer über meine eigene Unfähigkeit und die Passivität der anderen. Das Programm läuft weiter. Wir suchen nach einem neuen Ansatzpunkt, denn wir haben noch ein zweites Megaphon. Nach der Pleite traue ich mich nicht. Franz nimmt das Megaphon, unterbricht Jochheim, Jochheim keift dagegen an, 'blamiert sich dabei', Franz gibt uns das Megaphon und brüllt Jochheim mit seiner eigenen lauten Stimme an und schreit in den Saal: 'Was soll hier der Zirkus?" Er maschiert auf Jochheim zu und dann zu Carstens, schreit ihn an: 'Hast du aus Dortmund immer noch nichts gelernt?' Zwei Schläge mit der Krücke, die Leibwächter reißen ihn zurück, die Presse stürzt sich mit den Kameras auf das Ereigniss. Während Cartens mit steinernem Blick nach vorne guckt, um seine Hilflosigkeit zu überspielen, beschimpft ihn Franz als 'Wohltäter', 'Repräsentant'. Unfähigkeit dieser Warhrheit etwas entgegenzusetzen verzieht er sich vorzeitig."

Für die etwas gemäßigtere Zeitung die LUFTPUMPE, sie hatte Redaktionsbüros in Köln, München und Berlin und erschien von 1978 bis 1985, gab Lothar Sandfort seine Eindrücke von jenem, für die Krüppelbewegung dann doch sehr bedeutsamen, Tag wieder. Lothar Sandfort war Psychologe und gründete das Institut zur Selbstbestimmung Behinderter in Trebel, in dem u.a. Sexualbegleiter*innen ausgebildet werden. Auch er schilderte in der Ausgabe 8/81 die damals sehr zwiespältigen Gefühle der Teilnehmenden, die konkret auch von den Krückenschlägen Franz Christophs gegen den Bundespräsidenten überrascht worden waren:

"Horst Frehe nahm das Megaphon. Tumult! Horst forderte, aufzuhören mit dem Zynismus der Rehabilitationsreden, die Anpassung an eine Welt meinen, die uns gleichzeitig als störend aussondern muß. Der UN-Beauftragte fing an zu reden, als sei nichts passiert. Die Mehrheit der Anwesenden applaudierte. Er redete und Horst redete auch. Aber Horst paßte nicht auf, war zu zaghaft, die anderen Krüppel auch, und schon war ihm das Megaphon entrissen. Ausgerechnet zum Zeitpunkt, als der UN-Beauftragte - der seine Rede runterspulte - das unbedingte Mitspracherecht für Behinderte forderte. Die Ironie der sich widersprechenden Begriffe verhallte. (…) Die Aktion der Krüppel ohne Megaphon drohte kläglich zu enden. Plötzlich wie ein Orkan, Franz Christoph. Sein Ziel: Der Bundespräsident. 'Warum nicht Mohl, der hat uns doch mehr geschadet?', dachte ich, 'warum der Carstens?' Aber der Bundespräsident ist nun mal der Repräsentant eines Systems, das Behinderte in ihrer Selbstbestimmung und -entfaltung hindert. Aber Franz hatte noch andere Gründe, er wollte etwas beweisen, Immer noch Tumult, immer noch waren die Ordner fassungslos, Franz brüllte weiter, dann sah ich nichts mehr. Ordner und Fotografen versperrten mir die Sicht, sie sahen, wie Franz, genau wie einst Beate Klarsfeld einen hohen Würdenträger körperlich anging. Diese Art des Widerstandes, das ist klar, ging der Mehrheit, auch der radikaleren Behinderten zu weit. Doch Franz hatte bewiesen: Während die nichtbehinderte Beate Klarsfeld dafür in den Bau mußte, daß sie den damaligen Bundeskanzler Kiesinger schlug, wurde Franz abgedrängt, aber er ging straffrei aus. Strafunfähig! Ist das nicht das = Unmündigkeit? Das ist es! 'Selbst unseren Widerstand nehmen sie nicht ernst!' schrie Franz in den Saal."

Und genau darin lag der Erfolg dieser radikalen Protestaktion. Keiner der Teilnehmenden wurde aus der Halle entfernt oder strafrechtlich belangt. Wie schon in Dortmund war es den unbotmäßigen Krüppeln erneut gelungen, die nichtbehinderten Fürsprecher zu entlarven. Einen Eindruck von der Aktion erhält man auch durch Wolfram Deutschmanns Film LIEBER ARM DRAN ALS ARM AB, den dieser als Abschlussarbeit an der Berliner Film- und Fernsehakademie gedreht hatte lieber arm dran als arm ab - Widerstand 1981 gegen das Jahr der Behinderten - YouTube (29:48).

Franz Christoph wurde am 2. Juli 1953 in Furth im Wald/Oberpfalz geboren und verstarb sehr einsam am 28. Dezember 1996 in Berlin. Er galt als radikaler unangepasstes enfant terrible der Krüppelbewegung, der mit vielen über Kreuz lag, andererseits aber mit seinen radikalen Aktionen die Bewegung voranbrachte - ob sie wollte oder nicht…

Mein persönliches Fazit: Auch heute gibt es noch immer viele Fürsprecher*innen, die von Inklusion faseln, statt danach zu handeln. In einer Zeit, die pandemiebedingt zu Recht von Masken bestimmt ist, sollten wir noch häufiger diese Wohltäter-Mafia demaskieren.

Berlin (kobinet) Kategorien Nachricht

Kurzlink des Artikels: https://kbnt.org/se34678