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Von Langeweile in der Beratung keine Spur

Thomas Schalski
Thomas Schalski
Foto: privat

Oberteuringen (kobinet) Thomas Schalski von der ergänzenden unabhängigen Teilhabeberatung (EUTB) im Bodenseekreis leidet derzeit nicht an Landeweile. In Zeiten des Kontaktverbotes der Corona-Krise hat er in der Peer Beratung per Telefon, Mail oder Skype alle Hände voll zu tun. kobinet-Redakteur Ottmar Miles-Paul führte mit Thomas Schalski folgendes Interview.

kobinet-nachrichten: Der Coronavirus hat unser Leben in kurzer Zeit völlig verändert. Wie gestaltet sich derzeit Ihr Alltag als Berater einer ergänzenden unabhängigen Teilhabeberatungsstelle am Bodensee?

Thomas Schalski: Grundsätzlich geht die Beratungsarbeit weiter wie bisher, nur das wir aufgrund des Kontaktverbotes in Baden-Württemberg zur Zeit alle Beratungen telefonisch und per soziale Medien durchführen. Natürlich sind wir derzeit auch im Homeoffice und arbeiten von dort aus. Die Unterstützung beim Ausfüllen von Anträgen gestaltet sich per Telefon manchmal etwas schwierig. Wir haben hierzu jetzt einen Skype Kanal eingerichtet und werden solche Termine dann soweit möglich über Skype durchführen. Wir begleiten unsere Klienten auch bei der MDK Begutachtung bei der Pflegegradeinstufung. Diese Begutachtung werden zur Zeit auch nur telefonisch durchgeführt. Ich habe da so meine Bedenken gegen dieses Verfahren. Ich gehe davon aus, dass wir dann öfters raten müssen, Widerspruch einzulegen und nach der Corona Krise auf eine vor Ort Begutachtung bestehen. Gemeinsame Gespräche mit Eingliederungshilfe und Arbeitsagentur zu Reha-Maßnehmen gehen zur Zeit auch nur mit Telefon- oder Videokonferenzen. Soziale Kontakte laufen nur noch über soziale Medien und Telefon, dass beeinflusst die Beratungstätigkeit schon erheblich und ist menschlich gesehen unbefriedigend. Eine gute Beratung kann nur Face o Face mit viel Empathie stattfinden.

kobinet-nachrichten: Das heißt, von Kurzarbeit ist bei Ihnen derzeit keine Spur?

Thomas Schalski: Nein, überhaupt nicht. Wir haben weiterhin gut zu tun. Die Fragestellungen ändern sich durch die Corona Krise teilweise. Es melden sich so zum Beispiel viele Angehörige, die davon berichten, dass sie ihre Kinder und andere Verwandte in den stationären Einrichtungen nicht besuchen dürfen. Da scheint in manchen stationären Einrichtungen das Gefühl für die Verhältnismäßigkeit verloren gegangen zu sein. Eine vollkommene Isolation der Menschen mit Behinderung halte ich sowohl rechtlich als auch menschlich nicht für zielführend. Dieses führt eher zu einer Verschlechterung der psychischen Gesundheit.

Aber es kommen auch Anfragen, in denen die Befürchtungen geäußert werden, dass der Pfleger, die Assistenz oder andere Unterstützungspersonen krankheitsbedingt wegfallen können oder es Engpässe bei der Versorgung mit Hygieneartikeln und Desinfektionsmitteln gibt. In vielen Orten im Bodenseekreis sind private Initiativen entstanden, die Menschen unterstützen bei der Lebensmittelbeschaffung oder bei Assistenzleistungen. Menschen mit Unterstützungsbedarf leiten wir dann an diese Initiativen weiter. Darüber hinaus nutzen wir die Plattform https://www.quarantaenehelden.org um Hilfesuchende und Helfer zu vermitteln.

kobinet-nachrichten: Ihre Beratungsstelle hat auch mit vielen Menschen mit psychischen Beeinträchtigungen zu tun, welche Probleme treten bei dieser Personengruppe derzeit auf und wie können Sie da unterstützen?

Thomas Schalski: Die von der Corona Krise verursachte zusätzliche Isolation kann bei Menschen in seelischen Krisen sich natürlich verschlimmernd auswirken. Die Psychiatrischen Institutsambulanzen sind hier zur Zeit noch geöffnet, so dass diese psychiatrische Notfälle abfedern können. Die Tageskliniken haben ihre Angebote eingeschränkt. Der sozialpsychiatrische Dienst arbeitet eingeschränkt. Ich habe aber den Eindruck, dass die Grundversorgung zur Zeit noch funktioniert. Bei vielen Erkrankten ist die Tagesstrukturierung das Problem und da kommen die Klienten auf uns zu mit Anfrage zur Tagesgestaltung. Aufgrund des Kontaktverbotes wird die Tagestrukturierung noch erschwert, da viele Angebote geschlossen sind und man sich nicht in der Öffentlichkeit aufhalten darf. Der Stress durch die jetzige Situation kann auch zu psychotischen Schüben führen. Da haben wir einen solchen Fall in unserer Betreuung. Wir bieten den Klienten an, dass sie sich jederzeit zu einem Gespräch melden können. Wir versuchen den Menschen dann einfach als sozialer Kontakt zur Verfügung stehen. Leider geht das zur Zeit nur telefonisch. Im akuten Notfall helfen wir den Weg in die Hilfssysteme aufzuzeigen und die Klienten dahin zu begleiten. Verschärfend hinzu kommt, dass es bei einigen Medikamenten zu Engpässen kommt. Dieses war schon vor der Corona Krise ein Problem.

kobinet-nachrichten: Was würden Sie sich wünschen, damit diese Personengruppe in der Zeit des social-distancing, also der sozialen Distanzierung, besser unterstützt werden kann?

Thomas Schalski: Das ist schwierig. Am besten wäre natürlich, dass die Ausgangsbeschränkungen möglichst schnell aufgehoben würden und das normale Leben wieder weiter geht. Die Hilfssysteme müssen auf alle Fälle weiter in die Lage versetzt werden, kontinuierlich weiter arbeiten zu können. Wir brauchen da auch einen Rettungsschirm für die sozialen Einrichtungen, vergleichbar wie für die Wirtschaft. Wir brauchen eine Garantie, dass die Förderung für die Einrichtungen weiterlaufen. Was ich sehr gut finde ist, dass die Aktion Mensch 20 Millionen Euro als Corona Soforthilfe für ambulante Angebote und Tafeln zur Verfügung gestellt hat (https://www.aktion-mensch.de/corona.html). Wir machen dafür gerade Werbung bei den Tafeln, ambulanten Pflegediensten und Assistenzdiensten, damit diese Institutionen ihre Arbeit für Menschen mit Behinderung fortsetzen können.

kobinet-nachrichten: Gibt es weitere Entwicklungen und Themen, die Sie derzeit in Ihrer Beratungspraxis beobachten bzw. Sie herausfordern?

Thomas Schalski: Sehr spannend ist zur Zeit zu beobachten, wie unser Landratsamt gerade die Neuregelung der Eingliederungshilfe umsetzt. Da gibt es zur Zeit an der einen oder anderen Ecke Konflikte mit der Behördenleitung und den Sachbearbeitern. Der Pradigmenwechsel zur Personenzentrierung fällt den Behördenmitarbeitern noch erheblich schwer. Da gibt es auch unterschiedliche Auffassungen über das persönliche Budget, zum Beispiel bei der Abrechnung. Die klare Abtrennung von Eingliederungshilfe und Hilfen zur Pflege und zur Pflegeversicherung ist noch nicht ganz klar. In einem Fall verlangt die Eingliederungshilfe mit Berufung auf den ICF vom Angehörigen den Entlassungsbericht seiner psychosomatischen Kur, um nachzuweisen, dass er die Assistenzleistung nicht erbringen will. Nach unserer Auffassung fehlt dafür nicht nur die rechtliche Grundlage, sondern auch die moralische. Die Kröung des ganzen setzt aber die Forderung, dass das Arbeitgebermodell weiter betrieben werden soll. Die Antragstellerin möchte dieses nicht mehr, weil der Ehemann aufgrund seiner Erkrankung dieses nicht mehr leisten kann und möchte ins Anbietermodell wechseln. Das möchte das Amt nicht, weil das Anbietermodell teurer ist. Da kann man nur sagen, dass der Geist des Bundesteilhabegesetzes nicht erfasst ist. Es zeigt sich, dass der Mensch mit Behinderung weiterhin ein Spielball behördlicher Willkürentscheidungen bleiben soll. Ich habe den Eindruck, dass da noch einige Kämpfe auszutragen sind.

kobinet-nachrichten: Wie schaffen Sie es, in dieser Zeit von fast stündlich neuen schlechten Nachrichten, den Kopf oben behalten zu können und anderen Menschen Zuversicht zu vermitteln?

Thomas Schalski: Ich habe einen festen Glauben an die Veränderungsmöglichkeit von Situationen. Mich motiviert, dass ich die Lebenssituation von Menschen positiv durch meine Beratung und Unterstützung verändern kann. Der Erfolg trägt dann auch durch dunkle Stunden der Frustation und Enttäuschung. Manchmal habe ich schon das Gefühl als Don Qichot gegen Windmühlen zu kämpfen. Aber die Wut auf Ungerechtigkeiten ist dann die Energie, dagegen anzukämpfen. Die Belohnung dafür ist dann die Freude über den Erfolg.

kobinet-nachrichten: Danke für das Interview.

Oberteuringen (kobinet) Kategorien Interview